Einfach das Ende der Welt (2016) von Xavier Dolan – Im Schatten

© Weltkino Filmverleih

Home is not a habour, home is where it hurts

Der 35-jährige Autor Louis (Gaspard Ulliel) möchte seine Familie nach zwölf Jahren wiedersehen, die völlig aus dem Häuschen ob dieser Nachricht ist und alle ihrer Meinung nach notwendigen Vorbereitungen dafür treffen. Schwester Suzanne (Léa Seydoux), die ihren Bruder Louis kaum kennt, dreht nun richtig hoch, Bruder Antoine (Vincent Cassel) guckt noch abwesender als sonst und ihre Mutter (Nathalie Baye) lackiert sich die Nägel für den homosexuellen Sohn. Denn „die“ legen ja Wert auf sowas. Eine Ausnahmeerscheinung ist die schüchterne Schwägerin Catherine (Marion Cotillard), die so gar nicht in dieses Bild passen will und deren Schicksal es ist, sich zurückzuhalten. Doch der wiederkehrende Sohn hat nicht nur beschlossen seine Familie zu besuchen, sondern ist gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass er bald sterben wird. Gar nicht so einfach. Konflikte kochen hoch, Vorwürfe werden laut und über allem wirkt der Umstand, dass Louis einfach gegangen ist. 

by Weltkino Filmverleih

Die Schrillen und die Empfindsamen

Wenn man Dolans Filme sieht, kann man sich nur schwer vorstellen, dass er Ronald Weasley (Harry Potter) und Jacob Black (Twilight-Reihe) im Québec-französischen synchronspricht. Das umtriebige Talent verfilmt aktuell sein erstes englischsprachiges Drehbuch (The Death and Life of John F. Donovan, der für 2018 vorgesehen ist), welches eine Briefkorrespondenz beschreibt, verortet in der TV-Branche. Darin wird man unter anderem Kit Harington, Jessica Chastain, Susan Sarandon und Natalie Portman zu sehen bekommen und auch dieser Film dürfte es nicht in ein Multiplex-Kino schaffen. Das Skript zu Einfach das Ende der Welt erhielt Dolan von Anne Dorval (Laurence Anyways, Mommy, Heal the Living), welches aus anfänglich mangelndem Interesse auf seinem Bücherschrank verharrte. Jahre später nahm er es wieder zur Hand und  schnell wusste er, dass dies sein neuer Film sein wird. 

© Shayne Laverdière, Sons of Manual

Darin schiebt er den Zuschauer dahin, wo er ihn haben will. Dieses mal in den düsteren Nachmittag einer Familie, die so in ihren Mustern verklebt ist, dass man sich unweigerlich fragt, ob das jemals wieder abgeht. Im Halbschatten guckt die Kamera (André Turpin) über die ein oder andere Schulter, innige Blicke sucht man vergebens – sieht man von dem unerklärlichen Verständnis zwischen den Verschwägerten ab. Unheilverkündende Unsicherheiten umso mehr. Louis will den Schritt zurück, die anderen wissen nicht wo hin mit sich und ihm. In diesem Gezerre verletzlich zu bleiben, fällt schwer, eine schlechte Nachricht zu übermitteln scheint nicht angebracht. Louis hat die Familie verlassen und so gestalten die Verhältnisse ein Bild der halbherzigen, aber vehementen Erneuerung, die sich in Anschuldigungen ergießt sowie der unvermeidlichen Sorge, dass Louis wieder geht, der noch keine Aufgabe in der Familie inne hat.

“Es gibt Dinge im Leben, die einen dazu bewegen, aufzubrechen, ohne zurückzublicken. Aber es gibt genauso viele Dinge, die einen dazu bewegen, zurückzukehren.“

Louis (Drehbuch: Xavier Dolan basierend auf dem Theaterstück von Jean-Luc Lagarce)

Louis © Shayne Laverdière, Sons of Manual

Sich einander fremd sein. Man wirft wohl durchdachte, noch zögerliche Gedanken ein, hält sich zurück, zupft vielleicht an der ein oder anderen Gemeinsamkeit, um die ersehnte Verbindung zu finden. Fremd zu sein ist hier Sensation und Spektakel, kein neugieriger Kompromiss, bestenfalls die ersehnte Reibungsfläche. Jean-Luc Lagarce spickte seine Stücke mit unkonventioneller Sprache, die wenig aussagt. Das Theaterstück Lagarces, welches Einfach das Ende der Welt (OT: Juste la fin du monde) zugrundeliegt, lebt auch von dieser Sprache, die Dolan in der filmischen Umsetzung fast 1:1 übernimmt und die den Film deshalb so „theaterhaft“ wirken lassen.

Gaspard Ulliell nannte das sich nicht entfalten wollende Drama eine „verhinderte Explosion“. Ein steter Konflikt, der nicht aufkommt, aber durch Vorahnungen aufrechterhalten wird. Wenn zu Beginn des Films das kleine Mädchen Louis die Augen zuhält, dann ist das symptomatisch für die kommende Erzählung. Angebotene Freiräume laden dennoch zur Auslegung ein, wenn sie nicht in ihrer Verzweiflung niedergekeift werden, denn die ahnungslose Wut auf den einen ist hier die Betrübnis der anderen. Und diese Spannung verteilt sich über die ganze Familie, mit der man nicht so recht warm werden mag. 

Ein konzentrierterer Kompromiss hätte Einfach das Ende der Welt gut getan, zwischen Leerstellen, Theatersprache und Familientragödie, die in der Umsetzung beinahe untergeht. Einen Platz wird man dennoch darin finden.

Tell, don’t show? Einfach das Ende der Welt ist ab dem 14. Juli auf DVD und Blu-Ray erhältlich.

Diese DVD wurde mir freundlicherweise von Weltkino zur Verfügung gestellt

Regie: Xavier Dolan Drehbuch: Xavier Dolan basierend auf dem Theaterstück von Jean-Luc Lagarce Schnitt: Xavier Dolan Kamera: André Turpin Musik: Gabriel Yared Set Design: Pascale Deschênes SchauspielerInnen: Nathalie Baye, Vincent Cassel, Marion Cotillard, Léa Seydoux, Gaspard Ulliel, Antoine Desrochers, William Boyce Blanchette, Sasha Samar, Arthur Couillard, Emile Rondeau, Théodore Pellerin Produktionsdesign: Colombe Raby Produktionsländer: Kanada, Frankreich Laufzeit: 95 Minuten Format: 1,85 : 1 FSK: Ab 12 Jahren Webseite: www.EinfachDasEndeDerWelt-film.de

Zur Playlist hinzugefügt:

Camille – Home Is Where It Hurts
Grimes – Genesis 
Exotica – Une Miss s’immisce
Foals – Spanish Sahara
Jimmy Eat World – Hear You Me
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6 Gedanken zu “Einfach das Ende der Welt (2016) von Xavier Dolan – Im Schatten

    • Fast. Mir fehlt noch „Sag nicht, wer du bist“, der mich vom Regal aus anblinzelt. Aber mein vorläufiges Fazit ist: Interessant, was die Auswahl der Themen seiner Filme angeht und ich muss es einfach sagen, beeindruckend, dass ein Einzelner für den Großteil der Umsetzung verantwortlich ist, die nie durchschnittlich ist. Dass man ihm den Stempel „Wunderkind“ aufgedrückt hat, ist so auf der einen Seite nicht von der Hand zu weisen, auf der anderen Seite tut man ihm damit auch Unrecht. Ich hatte noch vor, etwas über ihn zu schreiben

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    • Dazu kann ich keine Aussage treffen, weil der ganze Film schreit: „Du bist hier unerwünscht“ Er ekelte mich nervtötend raus, was ich auf der einen Seite sehr negativ empfand, auf der anderen Seite irgendwie auch richtig. Da musst du dir ein eigenes Bild machen, fürchte ich 😉

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