Seom (2000) von Kim Ki-duk – Am Angelhaken („S“.E.P.T.E.M.B.E.R. #1)

Worum geht es? Zack von Zacksmovie hat dazu aufgerufen, den S.E.P.T.E.M.B.E.R. zu schauen – Buchstabe für Buchstabe. Ich habe lange überlegt, welchen Film ich nehme. An Auswahl mangelte es jedenfalls nicht. Seom von Kim Ki-duk hat es mir am meisten angetan (und das darf man ganz wörtlich nehmen).

Hyun-shik und Hee-Jin © rapid eye movies

Trügerische Idylle

Ein in Nebel getauchter See, schwimmende Häuser in zarten Farben und sattes Grün in der Umgebung. Man könnte sich in diese Umgebung sofort verlieben, würde ihr nicht auch etwas gedämpft Unruhiges anhaften. Hee-Jin (Suh Jung) lebt und arbeitet in dieser Abgeschiedenheit, transportiert Besucher mit ihrem Boot, bringt ihnen Angelköder, Lebensmittel und bietet auch sich selbst auf Verlangen an. Ihr Stolz, ihre Unnahbarkeit und Schweigsamkeit macht sie nicht gerade beliebt bei den Neuankömmlingen, die sich dort sinnenfreudig die Zeit vertreiben. Einer dieser Fremden ist Hyun-shik (Kim Yoo-suk), der nach dem Mord an seiner Ehefrau geflohen ist und seinem Leben ein Ende setzen möchte. Die verletzliche Hee-Jin ist von ihm fasziniert und zwischen den beiden entwickelt sich eine launenhafte und durch Gewalt und Eifersucht geprägte Beziehung.

by Rapid Eye Movies

Zuflucht

Das Kino lässt sich leichthin als eine Insel abbilden, einen Ort für Touristen, die sich nicht nur vergnügen wollen, sondern die Abgeschiedenheit suchen, eine dunkle Zuflucht. Hier leben und arbeiten fremdartige Menschen, die der Eindringling kennenlernen kann, es jedoch nicht zwingend muss. Dennoch begibt er sich in eine Abhängigkeit innerhalb dieser Zuflucht. Er kann in diese Illusion eintauchen oder sie verlassen. Die Art der Verfremdung ist als Rohprodukt vorgegeben. Zwingend wird das Einsinken, wenn der sich aufhaltende Gast – bewusst oder unbewusst – auf der Suche ist, eine Frage oder ein Problem mit im Gepäck hat, eine Entscheidung getroffen werden muss. Wie Hyun-shik, der sich die grundsätzlichste aller Fragen stellt: Leben oder sterben.

Hee-Jin © rapid eye movies

Das Wesen der Dinge

Kim Ki-duk zeigt mit Seom in seiner Ursprungsform eine klassische Liebesgeschichte. Zwei Menschen lernen sich zaghaft kennen, Persönlichkeiten prallen aufeinander und die Attraktion spielt marionettengleich zwischenmenschliches Verlangen und individuelle Bedürfnisse gegeneinander aus. Das Natürliche, Rohe und auch Gewalt(tät)ige intimer Bedingungen stets im unversperrten und weitschweifigen Blick der Kamera. Da entledigt sich jemand seiner Exkremente im See, wird ein Fisch gehäutet und wieder ins Wasser zurückgeworfen, das tröstende Grün mit dem aggressiven Rot von Blut gebrochen. Diese Kaltblütigkeit, das Unverstellte wohnt auch der reservierten Hee-Jin inne. 

Hee-Jin © rapid eye movies

Als Liebespaar finden die beiden in ihrer Unfähigkeit zur Kommunikation nur über Peinigung zueinander. Eine Perspektive, welche sich einer überbetonten Bildsprache bedient und gleichermaßen Leidenschaft und Verletzlichkeit auszudrücken vermag. Einer hypnotischen Sinnlichkeit, die sich in ihrer Begierde rücksichtslos überträgt und im Körperlichen zum Vorschein kommt. Aus dieser physischen Zweisamkeit befreit sich der psychische Konflikt des Einzelnen – zwischen Eigenständigkeit, Abhängigkeit, Besitz und Macht, der in seiner Zuspitzung ausgeglichen oder ausgefochten werden will. Eintauchen und wieder abtauchen. 

Kim Ki-Duk findet dafür unvergleichliche Bilder, eine zutiefst menschliche Sprache, die seinen Protagonisten eine energisch wie ungeschliffene Stimme zuteil werden lässt und  mündliche Liebesbeteuerungen wie -versicherungen überflüssig macht.

„Ich sehe etwas, das ich nicht verstehe, und mache einen Film darüber.“

…sagt der Regisseur über seine Werke. Der Nebenbuhler ist der Zuschauer. Es ist ein von zutiefstem Misstrauen geprägtes Verhältnis, die Erfahrung oder das Glück könne einem entrissen werden, wenn man es nicht festhält. Hee-Jin versorgt den Dürstenden und Hungernden und transportiert gefährliche Geborgenheit. Diese morsche, aber haltgebende Struktur kann man in den Wurzeln des südkoreanischen Regisseurs vermuten, der vor allem militärische Werte und Misshandlungen erfahren hat. Vielmehr jedoch ist sie im Wesen von Liebe, Anziehung und Sexualität zu finden, die in Unnachgiebigkeit, Zärtlichkeit und radikaler Körperlichkeit einen Ausdruck findet – eine Insel für Suchende bietet, um sich selbst neu zu begreifen.  

Schrecklich schön. Seom – Die Insel ist auf Blu-Ray und im Streaming-Angebot erhältlich.

Beiträge anderer Teilnehmer:
Hotaru – Still
Ma-Go – Slumdog Millionär
Shalima – Sofies Welt
Ainu89 – Sing Street

© rapid eye movies

Regie: Kim Ki-Duk DrehbuchKim Ki-Duk SchnittMin-ho Kyeong KameraSeo-shik Hwang MusikSang-yun Jeon SchauspielerInnen: Jung SUH, Yoosuk KIM, Sung-Hee PARK, Jae-hyeon JO, Hang-Seon JANG, Yeo-jin KIM ProduktionsdesignKi-duk Kim ProduktionslandSüdkorea Laufzeit: 94 Minuten Bildformat1080/24p (2,35:1) FSKAb 16 Jahren Blu-Ray: Softbox in hochwertigem Schuber + Booklet / 1 Disc(s) Extras: Making-of, Interview und Kinotrailer Erscheinungstermin: 08.05.2015 Verleih: rapid eye movies

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18 Gedanken zu “Seom (2000) von Kim Ki-duk – Am Angelhaken („S“.E.P.T.E.M.B.E.R. #1)

  1. Danke für deinen ersten Beitrag. Ich finde es sehr schön, dass du einen Film genommen hast, der nicht auf Jedermanns Liste steht.
    Bisher sind wir alle doch eher in bekanntere Gefilde geblieben, mit deinem Film stößt du auf jeden Fall in eine andere Ebene.
    Ich freue mich auch schon auf deine anderen Beiträge. 🙂

    Asiatische Filme finde ich grundsätzlich immer sehr spannend, aber eigentlich bin ich da im Genre immer recht festgelegt. Ich beschränke mich da meistens auf Action- oder Animeverfilmungen. Wie sieht es denn mit dem asiatischen Drama aus?
    Wer wird durch „Seom“ angesprochen?

    Gefällt 1 Person

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