Persona (1966) von Ingmar Bergman – Wahrheit und Lüge (S.E.“P.“T.E.M.B.E.R. #3)

Über den dritten Beitrag musste ich nicht lange nachdenken, da Persona einer meiner Lieblingsfilme ist.

Die Beiträge der anderen (vorbildlicheren) Teilnehmer:

Shalima – Plötzlich Prinzessin 1+2
Ma-Go – Pulp Fiction
Hotaru – The Perks of Being A Wallflower
Ainu89 – Paper Man

Nachtrag: Da habe ich doch glatt den Gastgeber vergessen…

Zack von Zacksmovies hat sich ausgedacht, den September zu gucken, Buchstabe für Buchstabe. Seinen Beitrag könnt ihr hier nachlesen.

Eine rätselhafte Patientin

Es wird geschlachtet, gefoltert, der Filmprojektor blendet auf. Ein Junge, der Ein Held unserer Zeit liest, berührt das projizierte Gesicht einer Frau. Nur einige der symbolträchtigen Bilder, mit denen Persona beginnt. Nach dem darauf folgenden Vorspann steht Schwester Alma (Bibi Andersson) im Zimmer der Ärztin (Margareta Krook), welche die Schauspielerin Elisabet Vogler (Liv Ullmann) in ihrer Obhut hat. Elisabet hat seit Monaten nicht gesprochen. Physisch und psychisch ist sie gesund.

Alma wird ihr zugeteilt, obwohl sie Bedenken äußert, ihre Lebenserfahrung könne nicht ausreichen Fr. Vogler gerecht zu werden. Da ihre Patientin jedoch weiterhin keine Fortschritte erkennen lässt, schlägt die Ärztin eine Erholung in ihrem Sommerhaus am Meer vor. Beide Frauen blühen in der Abgeschiedenheit auf und freunden sich an. Alma erzählt der Stummen von ihrem Leben und vertraut ihr intime Geheimnisse an. Die Tage im Sommerhaus vergehen und scheinen unbeschwert. 

Mehr und mehr verschwimmen jedoch Rolle und Identität. 

by Blazing Trailers

Who’s Who?

Welche Menschen berühren wir, von welchen lassen wir uns berühren? Und was sehen diese Menschen in uns, was zeigen wir ihnen? Die Schauspielerin Elisabet Vogler versperrt sich dieser Rechtfertigung. Nach einer Vorstellung, in der sie die Elektra gibt, verstummt sie plötzlich, beraubt sie sich selbst des Ausdrucks – jede Rolle ist auch ihre Lüge. Was Ingmar Bergman und Kameramann Sven Nykvist in kommenden Bildern einfangen, ist eine Befreiung oder vielmehr eine stillschweigende Einwilligung in diese Lüge. So hadern hier beide Frauen. 

Alma handelt nicht gemäß ihren Vorstellungen und lässt sich von anderen mitreißen. Sie findet ihre Zuflucht in Elisabet und umgekehrt findet Elisabet diese auch in Alma. Ingmar Bergman unterstreicht das nicht nur mit der Verschmelzung der Figuren, sondern auch mit sich offenbarenden Ängsten, dem Gegenüber nicht gerecht zu werden.

Elisabet wird in Persona (Die Maske der Schauspieler) mit mehreren ihrer Rollen konfrontiert: Frau, Ehefrau, Mutter, Schauspielerin, Patientin und Freundin. Anders als Alma widerspricht sie den innewohnenden Verhaltensnormen und gibt sich in der Zeit des Schweigens frei. Eine weiße Projektionsfläche, die alles sein kann und auf die alles Licht fällt. Alma hingegen zweifelt an ihren Rollen als Verlobte, Krankenschwester und Weggefährtin, nimmt diese aber als gegeben hin. 

Sein oder Nichtsein?

„Aber reglos werden kann man. Still werden. Dann lügt man nicht. Man kann sich abschirmen, abschotten. Da muß man keine Rolle spielen, kein Gesicht machen und keine falschen Gesten. Denkt man. Nur macht die Wirklichkeit es einem verdammt sauer. Dein Versteck ist durchlässig. Überall dringen Lebenszeichen herein. Und du mußt reagieren. Keiner fragt nach echt oder unecht, ob du wahrhaftig bist oder verlogen.“

Die Ärztin aus Persona (1966)

Was Persona einen ewigen Platz in meinem Filmhimmel beschert ist eben auch diese freie Projektion auf den Inhalt (ursprünglich stand der Titel „Kinematographie“). Sieht man etwas, dass wahr ist? Einen Traum? Einen Film im Film? Ingmar Bergman verarbeitete nach eigenen Angaben mit Persona eine Erkrankung, die ihn in eine Wahrheitskrise stürzte. Am Ende dieser erkannte er, dass auch das Schweigen eine Maske ist. Persona hat verschiedene Gesichter und Rollen, denen man sich auf vielfältige Weise annähern kann. Die Attraktion ist dabei physisch und psychisch. Bergman zeigt, wie Gedanken und Vorstellungen sich nicht nur in Bildern ausdrücken, sondern auch zu einer Form von Realität werden können, die man annehmen oder ablehnen kann. So kann man in Persona eine Wirklichkeit begreifen und gleichzeitig ihre Grenzen erfahren. Es bleibt jedem selbst überlassen.

Rollenspiele. Persona ist auf DVD / Blu-Ray zu erhalten sowie im Streaming-Angebot.

Regie: Ingmar Bergman Drehbuch: Ingmar Bergman Schnitt: Ulla Ryghe Kamera: Sven Nykvist Musik: Lars Johan Werle SchauspielerInnen: Bibi Andersson, Liv Ullmann, Margaretha Krook, Gunnar Björnstrand, Jörgen Lindström Produktionsdesign: Bibi Lindström Produktionsland: Schweden Laufzeit: 85 Minuten Bildformat: 1.37 : 1 FSK: Ab 12 Jahren

Zur Playlist hinzugefügt:

Johann Sebastian Bach – Violin Concerto No. 2 in E major, BWV 1042 Adagio

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5 Gedanken zu “Persona (1966) von Ingmar Bergman – Wahrheit und Lüge (S.E.“P.“T.E.M.B.E.R. #3)

  1. Was ich an Persona so schätze ist, dass er zwar durchaus abstrakte Bilder nutzt, aber sich nie in ihnen verliert und den Zuschauer dadurch nicht aussperrt. Ganz große Kunst und ein schmaler Grat, der in diesem Falle wunderbar gemeistert wird.

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