IT OV (2017) von Andy Muschietti – Crazy Clown Time

Vörred: Kommt es nur mir so vor oder werden die Werbebeiträge in den großen Kinos immer länger? Nach gefühlten Stunden (inklusive Vor-Ort-Eisverkauf) begann dann auch endlich der erste Teil der Neuauflage von Stephen Kings ES.

Wie jedes Jahr steht der Oktober im Zeichen des Schreckens und des Gruselns. Alle weiteren Informationen könnt ihr hier bei der Cinecouch nachlesen. Ich habe mir keine Liste im Vorfeld gesetzt (wir wissen ja, wie das endet…) und werde ganz al gusto schauen und/ oder schreiben.

Döntjes: Kein Eis für mich. Danke. Nun geh bitte.

Besatzung: Ein kurzer Aufruf ging durch die Facebook-Gruppe, in der ich mich kurz zuvor angemeldet hatte. So durfte ich mir ES mit einem sympathischen Pärchen ansehen. M. und B. wurden ebenso wie ich gut unterhalten, hatten aber auch Kritikpunkte.

Losers‘ Club

Wir befinden uns in der kleinen beschaulichen Stadt Derry in Maine im Oktober 1988. Bill Denbrough (Jaeden Lieberher) liegt krank im Bett und bastelt für seinen kleinen Bruder Georgie (Jackson Robert Scott) ein Papierboot, das dieser gleich mit nach draußen zum Spielen nimmt. Wie eines von vielen Kindern verschwindet Georgie daraufhin, nachdem sein Boot in einen Gully gespült wird.

Die Ereignisse werden im Jahr 1989 wieder aufgenommen. Immer noch verschwinden Kinder, Ausgangssperren werden verhängt. Bill, Mike Hanlon (Chosen Jacobs), Ben Hanscom (Jeremy Ray Taylor), Richie Tozier (Finn Wolfhard), Eddie Kaspbrak (Wyatt Oleff), Stan Uris (Jack Grazer) und Beverly Marsh (Sophia Lillis) sind die Außenseiter in der Schule und werden von Henry Bowers (Nicholas Hamilton) und seiner Clique verfolgt und gemobbt. In ihrer Not finden sich die Jugendlichen als Losers‘ Club zusammen und bilden fortan eine Einheit. Als wäre das nicht genug, begegnet jedem einzelnen von ihnen der bestialische Clown Pennywise (Bill Skarsgård), der den Kindern Angst einjagt und sie quält. Als die sieben Freunde sich ihr Geheimnis anvertrauen, müssen sie auch gleichzeitig eine Entscheidung fällen.

by Warner Bros. Pictures

 Aufgefrischt

Ich bin ein Fan des Originals von Tommy Lee Wallace (Mein Nachbar, der Vampir, Urlaubsflug auf die Insel des Grauens), welches nicht durch große Qualität besticht, aber für mich die richtige Mischung aus Coming of Age und damit verbundenen Gräuel hatte. Ein wenig verklärte Nostalgie mag auch dabei sein. Andy Muschietti (Mama) fegt gekonnt das Alter vom Vorgänger und bannt Pennywise & Co. mit sehenswerten Bildern in die 80er (Kamera: Chung-Hoon Chung – Die Taschendiebin). Die Parallel-Montagen des Originals werden aufgehoben, so fokussiert sich im ersten Teil der Neuauflage alles auf die Kinder und deren Probleme. 
Stottern, Hypochondrie, ein zu großes Mundwerk, Religion und Skepsis, Übergewicht, häusliche Gewalt sowie Rassismus bereiten den Nährboden für gesellschaftliche Ablehnung und Mobbing. Die Gewalt, die über die Kinder hereinbricht wird in Muschiettis Film um einiges deutlicher hervorgehoben und auch der Freundschaft haftet nur noch wenig verklärende Magie an. Die Dialoge sind spitzzüngig und entschieden, statt ungeschliffen und naiv. Die Heranwachsenden entdecken ihre Identität und bilden eine Gemeinschaft. Und sie treten einem allein agierendem Monster ohne eigene Persönlichkeit entgegen.
Der Gruselclown hat hier die eigentliche Verjüngungskur erhalten. Er rückt nicht nur stärker in den Fokus, sondern auch über sein Auftauchen und Vorgehen erfährt der Zuschauer einiges. Das gibt ihm (zum Glück) immer noch keine direkte Persönlichkeit, bettet ihn aber nachhaltiger in die Geschichte ein, denn wie schon im Original, ist der Clown eben nur Manifestation und Ausdruck – stampfend, geifernd und verspielt. Vor allem aber: Erinnerungswürdig. Durch die von außen gesetzte Verlierer-Identität der Kinder haftet Pennywise auch etwas Lustvolles und Befreiendes an, gleichzeitig ruft er aber auch so starke Abneigung hervor, dass die Gruppe mobilisiert wird. Bill Skarsgård legt seine Figur wie einen kurz vor dem Platzen gefüllten Luftballon an, den er genüsslich und verstörend langsam mit den Händen reibt. 

Time to float?

Ich hatte doch einen leicht schalen Nachgeschmack vom Film und musste lange überlegen warum das so ist. Denn handwerklich und dramaturgisch hatte ich wenig an ES auszusetzen und auch die Neuerungen gefielen mir über weite Strecken sehr gut. Woran also lag es?
Zum einen muss man sich vergegenwärtigen, dass die Handlung nach vorn verlegt wurde. Wer, wie ich, verklärt an das Original von 1990 und damit an seine Kindheit zurückdenkt, hat wahrscheinlich auch gewisse Berührungspunkte mit dieser Zeit und deren Anschauung gehabt. Der Horror entfaltete sich unter anderem aus einer gesellschaftlichen Enge, einem kleinkarierten und rückwärtsgerichteten Denken um 1960 – dem der erwachsenen und erziehenden Gesellschaft. So richtet sich die zeitliche Verschiebung an das jetzt erwachsene Ich, das vielleicht sogar in den 80ern groß geworden ist und diesem rigiden Denken und Erleben bereits entwachsen ist. Dieser kindliche Reibung zwischen der erlebten (oder höchst vorstellbaren) Realität und dem damit verbundenen Schrecken geht mit der Verlagerung zwangsweise etwas verloren. Das ist sicherlich nicht ein Problem des Films, sondern des Rezipienten (fühle mich alt), aber es zeigt, warum ein Remake oft nicht an ein Erlebnis mit dem Original heranreichen kann, wenn man sich zeitlich in beiden Werken verorten kann. 

Ausgewachsen

Zum Zweiten ist Horror oftmals eine Reise zum Verbotenem, den eigenen Ängsten und deren Überwindung. Horrorfilme genießen das, was hinter verschlossenen Türen geschieht. Das Erleben des Grauens will darin gleichzeitig verborgen und sichtbar sein. Auch Pennywise erhält seine Legitimation durch die Angst der Kinder, die an ES glauben. Das, was die Kinder hemmt, enthemmt den Clown. Hier bekommt man diese Ängste schnell und offensichtlich präsentiert, unterbrochen von der allgegenwärtigen und dröhnenden Präsenz des Pennywise. Man kann und darf sich nicht so recht in die Schwächen der Kinder einfinden, sodass ein Bruch mit den Horrorszenarien eine einschlagende Wirkung gehabt und eine Coming of Age-Story eine echte Chance bekommen hätte. Zumal die einzelnen Sequenzen sich mehr an den Hintergrund der Kinder richten, nicht an ihre direkte Erlebenswelt. Deutlich wird das im Finale, das ganz dem Clown und seinen Auswüchsen gehört. Etwas, das mir aus dem Original immer präsent war, war der Angriff Eddies mit seinem Asthmaspray, der die eigene Schwäche beziehungsweise Angst benutzt hat, um sich zu wehren. Diese Kurve schafft die Neuverfilmung nicht und setzt stattdessen auf große Schockmomente, die wenig zum Gruseln einladen. Das unschuldig Magische der Kindheit sucht man leider vergeblich. 

„Because they pop! Pop, pop! Pop, pop! Pop, pop, pop!“ ES ist aktuell im Kino zu fürchten.

RegieAndy Muschietti DrehbuchChase Palmer, Cary Fukunaga, Gary Dauberman, basierend auf dem Roman IT von Stephen King SchnittJason Ballantine KameraChung-hoon Chung MusikBenjamin Wallfisch SchauspielerInnenJaeden Lieberher, Jeremy Ray Taylor, Sophia Lillis, Finn Wolfhard, Chosen Jacobs, Jack Dylan Grazer, Wyatt Oleff, Bill Skarsgård, Nicholas Hamilton, Jake Sim, Logan Thompson, Owen Teague, Jackson Robert Scott, Stephen Bogaert, Stuart Hughes, Geoffrey Pounsett, Pip Dwyer, Molly Atkinson, Steven Williams, Elizabeth Saunders, Megan Charpentier ProduktionsdesignClaude Paré ProduktionslandUSA, Kanada Laufzeit: 135 Minuten Bildformat2.35 : 1 FSKAb 16 Jahren Websitehttp://itthemovie.com/

Zur Playlist hinzugefügt:

Love Removal Machine – The Cult

666 – Anvil

Six Different Ways – The Cure

Dear God -XTC

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19 Gedanken zu “IT OV (2017) von Andy Muschietti – Crazy Clown Time

  1. Erst einmal muss ich sagen, dass du deinem Blog einen sehr passenden Horrorctober-Anstrich verpasst hast 😉
    Ich hatte mit „ES“ auch etwas Bauchschmerzen. Ähnlich wie du finde ich, dass die Probleme des Erwachsenwerdens besser in den Vordergrund gerückt wurden. Was mir aber erstaunlich stark fehlt sind die erwachsenen Versionen der Kinder. Vielleicht liegt es daran, dass ich den Fernsehfilm aus den 90ern auch sehr mochte, aber ich finde er hat besser die Kurve bekommen.

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    • Ja. Es steht auch zu befürchten, dass die Erwachsenenwelt zugunsten von Pennywise in den Hintergrund rücken wird. Ich vermute, dass dem Clown jetzt noch eine richtige Hintergrundgeschichte verpasst wird und die Erwachsenen wesentlich cooler rüberkommen werden, als sie es im Original sind.

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  2. Ich fand den Film eigentlich ziemlich gut gelungen. Tolle Coming-of-age Story, super Soundtrack und ein paar richtig schöne Schockmomente (obwohl ich öfter gelacht habe, als zu Tode gegruselt)
    Es ist für mich einer der besseren Horrorfilme der letzten Jahre. Kein Meisterwerk, aber besser als viele 08/15 Schocker a la „Annabelle“ oder so.

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  3. Ich bleibe gespannt auf den Film. Ich hoffe nächste Woche schaffe ich es endlich mal. Obwohl, dann läuft auch schon Blade Runner 2049… hmph.
    Ich finde es natürlich toll, dass ein Horrorfilm endlich mal wieder ein richtig dicker Mainstream Erfolg wird. Das gab es ja doch länger nicht. Ich bin ausnahmsweise mal insbesondere auf die Fortsetzung gespannt, da ist noch deutlich mehr Luft nach oben als bei den Kindern.

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  4. Habe den neuen noch nicht gesehen. (Kein Kinogänger mehr) warte bis er im TV läuft. Auch wenn ich vieles gutes höre, bin ich trotzdem noch nicht überzeugt. Das Original war schon sehr knapp an der Grenze der Langeweile. Das Buch war da doch schon besser. Lasse mich aber gerne überraschen.

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  5. Ach ja, „It“ war doch eine ziemliche Enttäuschung. Schade um die kreativen Gruselideen, aber hier wurde viel mit Scaryness herumgeballert, was den Film natürlich eben nicht scary gemacht hat. Süße Kinder aber und schönes Coming-Of-Age-Feeling.

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  6. Ja, so richtig überzeugt und begeistert war ich auch nicht. Wenngleich ich den Film insgesamt für sehr gelungen erachte. Das „Original“ (also den ersten Film) kenne ich entweder nicht oder habe es schon längst wieder vergessen. Aus meinem Umfeld habe ich gehört, dass ich den tatsächlich mal gesehen haben soll. Und in der Tat erinnere ich mich noch dunkel an Tim Curry als Pennywise. Aber das können genauso gut auch nur Einzelszenen gewesen sein. Jedenfalls werde ich mir mit etwas Abstand zum Remake den ersten Film irgendwann (noch mal) nachholen. An das Buch erinnere ich mich übrigens noch extrem gut!

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