Dream Home (2010) von Ho-Cheung Pang – Hieb- und stichhaltige Wohnungssuche

Wie jedes Jahr steht der Oktober im Zeichen des Schreckens und des Gruselns. Alle weiteren Informationen zum #Horrorctober könnt ihr hier bei der Cinecouch nachlesen.

Vörred: Was hätte ich mir diesen Film um den Juni rum gewünscht… Es ist ja so, dass man sich auf eine Art Safari begibt, wenn man eine Wohnung sucht. Also früher. Dort, wo man Wild noch gejagt, statt abfotografiert hat. Um eine Wohnung zu erlegen benötigte man spezielle Waffen, wie Vormieterbescheinigungen, Schufa-Auskunft und andere Liquiditätsnachweise. Die etymologische Verwandschaft zu Liquidierung kommt hier nicht von ungefähr, denn es galt „Mitreisende“ gezielt auszuschalten, um sich in der Nahrungskette (hier Wohnstandard) nach oben zu arbeiten.

„Haustiere? Ich? Nein. Natürlich nicht.“

„Ich höre keine Musik. Nie.“

„Parties?“ „Ich habe keine Freunde.“

Man weiß, dass man ganz unten angekommen ist, wenn man sich kurz vor Besichtigungsende rausschleicht, um die erste zu sein, die eine E-Mail an den Makler absendet.

Die Protagonistin aus Dream Home (OT: Wai dor lei ah yut ho) hat da ganz andere Möglichkeiten für sich eröffnet…

Mit allen Mitteln

Cheng Lai-sheung (Josie Ho) hat genau die richtige Wohnung für sich auserkoren. Ihr stellen sich aber einige Probleme in den Weg. Sie verdient mit ihren zwei Jobs zu wenig und die Bank will ihr nur 70 % Kredit zur Verfügung stellen. In Rückblenden erfährt der Zuschauer, warum es Cheng so wichtig ist die Wohnung am Hafen zu bewohnen: In ihrer Kindheit konnte sie aus dem Fenster den Victoria Harbour sehen, bevor man ihr durch ein Bauprojekt die Sicht darauf versperrte. Sie schwor sich daraufhin, irgendwann genug Geld zu verdienen, um ihre Familie und sich selbst besser unterzubringen. Als ihr lang gehegter Traum in greifbarer Nähe ist, überlegen es sich die Besitzer anders und erhöhen den Preis. Cheng ist außer sich vor Wut und schlägt einen anderen Weg ein, um ihr Ziel zu erreichen. 

by dcja1001

Häusliche Gewalt

Man sollte sich vorab wenig vormachen. Wer auf ein spannendes Sozialdrama hofft, das mit Gore-Elementen einen deutlichen Ausdruck findet – wie vom Trailer angedeutet – wird vermutlich nicht viel Freude an diesem Werk haben. Dazu bekommt der sozialkritische Teil zu wenig Raum bzw. die nötige Konstanz. Vielmehr dient er als wackelnde Legitimation für die eingestreuten Gewaltexzesse, die es gar nicht gebraucht hätte. Die strotzen nämlich nur vor Kreativität – selbst für Kostverächter von Slasher-Filmen wie mich, wird viel geboten. Hinzu kommt, dass handwerklich auch das Auge bedient wird. Ho-Cheung Pang (Vulgaria, Aberdeen, Women Who Flirt) hat dabei darauf geachtet, seine Hauptfigur nicht allzu souverän aussehen zu lassen, was der durchaus amüsanten Schlächterei einen realistischen Mittelpunkt verleiht.

Die soziale Kritik richtet sich hier an den Wohnungsmarkt Hongkongs und beruht auf wahren Geschehnissen. Ob Schuhkarton-Wohnungen oder ein Leben in den Slums – selbst Menschen mit geregeltem Einkommen, haben es in der Metropole schwer ein Zuhause zu finden. Diese Verzweiflung können die ZuschauerInnen durch Cheng Lai-sheung atmen, durch die Palette an ambivalenten Gefühlen, die man ihr entgegenbringt. Josie Ho spielt diese Vielfalt überzeugend – zwischen Sympathie und Abneigung schnetzelt sie sich ihren Weg durch den Wohnblock. Lachen ist hier eindeutig erwünscht und, dass der Film seine ernsthafte Grundlage am Ende noch einmal selbst reflektiert, bietet einen ebenso zwiespältigen Abschluss. Wer sich nicht scheut, über die ein oder andere Länge hinwegzusehen und einen visuell ansprechenden wie kreativen Gore-Film sucht, ist hier blutrichtig.

Den Darm um den Finger gewickelt. Dream Home ist aktuell bei Netzkino zu sehen.

Regie: Ho-Cheung Pang Drehbuch: Ho-Cheung Pang, Kwok Cheung Tsang, Chi-Man Wan Schnitt: Wenders Li Kamera: Nelson Lik-wai Yu Musik: Gabriele Roberto SchauspielerInnen: Josie Ho, Ching Wong, Helen To, Man Jan San, Cindy Yu, Chan Lai Ling, Eason Chan, Chow Fei Kin, Michelle Ye, Jo Kuk, Dewi Ariyantl und weitere Produktionsdesign: Lim Chung Man Produktionsland: Hong Kong Laufzeit: 96 Minuten Bildformat: 2.35 : 1 FSK: Ab 18 Jahren

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6 Gedanken zu “Dream Home (2010) von Ho-Cheung Pang – Hieb- und stichhaltige Wohnungssuche

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