12 Years a Slave (2013) von Steve McQueen

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©Tobis

 

Kurzinhalt

1841 ist Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor) ein freier Afroamerikaner in New York. Während der Abwesenheit seiner Frau, bekommt er ein lukratives Angebot zweier Geschäftsmänner, die sein Geigenspiel zu schätzen wissen und für ihre Vorstellungen nutzen wollen. Nach dem Treffen findet sich Solomon in einem Verlies in Ketten wieder, in Vorbereitung auf die Einreise nach New Orleans und der damit einhergehenden Versklavung. Dort angekommen, wird er fortan Platt genannt und verkauft. Noch in zivilisierter Gesellschaft des Plantagenbesitzers Ford (Benedict Cumberbatch), ist die Lage Northups nicht ganz so niederschmetternd, wie befürchtet. Dies soll sich nach Streitigkeiten mit dem Aufsher John Tibeats (Paul Dano) schlagartig ändern, nach diesen Platts an Edwin Epps (Michael Fassbender) verkauft wird, da Ford nicht mehr für seine Sicherheit gewährleisten kann. Auf diesem Streifzug durch die dunklere amerikanische Geschichte, beginnt ein schicksalhafter Verlauf.

Kontrastreiche Adaption

Steve McQueen und John Ridley adaptierten die Romanvorlage Solomon Northups, welcher die erlebten Gräuel autobiografisch niederschrieb und nach dessen Bekanntwerden Redner abolitionistischer Bewegungen wurde. McQueen, der bereits durch Hunger und Shame für seine nervenaufreibende und tiefergehende Erzählweise bekannt wurde, lässt auch hier nicht locker. Nahezu jede Nahaufnahme in 12 Years a Slave lässt keinen Zweifel daran, dass der Zuschauer emotional anwesend und aufgeweckt sein soll. Sinnliche und betörende Landschaftsaufnahmen wecken den Ruf nach Freiheit und Ferne, während den Menschen schweiß- und angstbeladene Szenen zuteilwerden.

Chiwetel Ejiofor meistert hier durchgehend diesen Spagat zwischen wahrgenommener Ausweglosigkeit und Hoffnung und man kann ihm an den Augen ablesen, wie er mit sich und seiner Umgebung ringt.   Besonders beeindruckend ist das Zusammenspiel zwischen ihm und Plantagenbesitzer Edwin Epps, der in Alkoholeskapaden seiner Aggression und seinen sexuellen Neigungen freien Lauf lässt. Das weiße Gewissen hingegen kommt erstmals mit dem Tischler Samuel Bass (Brad Pitt), der Northups Hoffnung nährt, wieder nach Hause zu kommen. Diese gefühlsbeladene Talfahrt wird durch leise und hämmernde Töne sowie zeitweiligem Voice-Over vorangetrieben, welche den Kontrast zwischen schwarz und weiß, arm und reich, gefangen und frei deutlich machen. Musikalisch schöpferisch durfte hier Hans Zimmer sein Unwesen treiben. Er verweilt ebenfalls zwischen zwei Extremen: Trommelnden, dramatisch elektronischen Sounds und leisen Streichinstrumenten. Das ist noch gerade so innerhalb von „Geschmackssache“.

Eine Violine für die Hoffnung

—Spoiler—

Die Violine als Sinnbild der besseren Vergangenheit Platts, wird ihm ausgerechnet vom weißen Sklavenbesitzer Ford geschenkt, der sich bei ihm bedanken wollte. Es ist nicht Platt, der dem Zuschauer die Entwicklung unter widrigen Umständen mitteilt, sondern die identitätsstiftende Violine. Ein Musikinstrument als Instrument von Stolz, Kontrolle, Freiheit, aber auch Unterwerfung zu vergesellschaften, ist wahrlich ein Geniestreich. Zudem ist sie auch das Einzige, an dem Platt sich festhalten kann. Nahezu alle Umstände vereinen sich darin. Anfänglich noch der eigenen Unterhaltung dienlich, verkommt diese immer mehr zu einem Instrument der Unterdrückung und so ist es auch nicht verwunderlich, dass das endgültige Schicksal der Violine eng mit dem vielzitierten Blick Platts zum Zuschauer verbunden ist. Dieser Blick wird von eindringlicher und geräuschvoller Atmosphäre begleitet und markiert den eigentlichen Höhepunkt und Schluss des Films. Diese dramaturgischen Hilfsmittel sind auch notwendig, da einem die ansonsten zeitliche Wahrnehmung der verstreichenden 12 Jahre leider verwehrt bleibt

—Spoiler Ende—

Die Vielschichtigkeit der Sklaverei

Die Sklaverei ist, genau wie der Nationalsozialismus, ein Thema, dass übervorsichtig behandelt wird. Nicht nur, weil es empfindsam und zerbrechlich ist, sondern auch, weil es der Aufbereitungen vieler sind. Was kann man dem also noch hinzufügen? Wer sich nicht nur mit historischen Ausschnitten begnügt, bringt Einzelschicksale oder wieder aufflammende Nachwirkungen aufs Papier bzw. vor die Kamera, welches ein, gegen das Vergessen hinreichender und wichtiger Akt für mehr Menschlichkeit ist. Steve McQueen verfolgt hier einen ähnlichen Ansatz. Er zeigt auf der einen Seite die Abgründe der Sklaverei, die Kluft zwischen den Hautfarben und daraus resultierende Ängste und Misstrauen, geht dann aber einen kleinen Schritt weiter. Denn vielmehr behandelt dieser Film den Umgang mit dem eigenen Schicksal. Drastisch, aber dennoch nachvollziehbar. Denn schlecht geht es hier nicht nur dem Schwarzen.

Fazit

Die Abwärtsspirale der Sklaverei, die McQueen hier nachzieht, wird nicht nur durch die Figur des Platt, sondern auch aller anderen deutlich. Hier hadert jeder mit der historischen Fügung. Der eine mehr, der andere weniger. Das macht es nachvollziehbarer und lässt solch eine Aufarbeitung auch näher an den Zuschauer heran. Nichtsdestotrotz wird vor allem zum Ende hin ein wenig mit dem Holzhammer gearbeitet. Die Lehren und Belehrungen kommen zwar geschickt verpackt, nehmen einem aber die Arbeit ab, sich eine eigene Meinung zu bilden. Ergibt man sich lieber oder hält man seinen Glauben an Gerechtigkeit dagegen, um schlicht weiterzuleben? Diese Antwort fiel mir stellenweise zu eindeutig ausgerichtet aus. Dafür verweilte man länger in äußerst brutalen Szenen, die nur den Zweck verfolgen konnten, aufzurühren. Sicherlich braucht es diese Filme, aber man muss sich schon fragen, ob es nicht längst an der Zeit ist, etwas kreativer und damit mutiger mit diesen Themen umzugehen.

In der zivilisierten Kultur ist diese Form der Sklaverei längst abgeschafft und gerät immer mehr in Vergessenheit. Umso präsenter sind dessen Vorstufen. Rassismus breitet sich wieder aus, und vieles, was wir dem kulturell entgegensetzen, geht nicht über Furchtappelle und Betroffenheitsszenarien hinaus. Ich wünsche mir einen frischen Blick auf diese Themen, denn auch der vorherrschende Rassismus ist mit Hilflosigkeit und vielen Schicksalen verknüpft und braucht daher neue und kreativere Antworten.

Regie: Steve McQueen

Drehbuch: Steve McQueen und John Ridley

Kamera: Sean Bobbit

Musik: Hans Zimmer

Darsteller: Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Brad Pitt, Scoot McNairy, Lupita Nyong’o, Quvenzhané Wallis, Sarah Paulson, Taran Killam, Benedict Cumberbatch, Paul Dano, Paul Giamatti, Garret Dillahunt, Alfre Woodard, Michael Kenneth Williams, Marcus Lyle Brown, Tom Proctor, Ruth Negga und weitere

Steve Jobs (2015) von Danny Boyle

Steve Jobs ist ein Biopic, welches auf drei Stationen des Apple-Mitbegründers Steve Jobs (Michael Fassbender) basiert. Dabei handelt es sich um Veröffentlichungen bzw. Produktpräsentationen: Denen des Macintosh 1984, des NeXT 1988 und des iMac 1998. Innerhalb dieser einzelnen Stationen , wird der Weg hinter der Bühne bis zur Aufführung nachgezeichnet. Jobs schlägt sich mit allerlei Problemen rum, die vor der Präsentation ganz natürlich auftauchen oder Kennzeichen seiner schwer zugänglichen Persönlichkeit sind. So lernt man im Verlauf seine uneheliche Tochter Lisa (erwachsen: Perla Haney-Jardine) und ihre Mutter Chrisann Brennan (Katherine Waterston) näher kennen sowie die Assistentin Joanna Hoffman (Kate Winslet). Garagenfreund und Mitentwickler Steve Wozniak (Seth Rogen), Präsident und CEO von Apple John Sculley (Jeff Daniels) und Softwareentwickler Andy Hertzfeld (Michael Stuhlbarg) sind ebenfalls ein präsenter Teil des Ausschnitts.

Danny Boyle verfilmte hier die Biographie von Walter Isaacson, welche Jobs zu Lebzeiten autorisiert haben soll. Aaron Sorkins entwickelte daraufhin das Drehbuch. Bereits 2013 kam mit “Jobs“ (Ashton Kutcher in der Hauptrolle) eine Filmbiographie auf den Markt, welche eher einer Hommage entsprach, während sich diese Verfilmung ganz auf die schwierige Persönlichkeit Steve Jobs fokussiert und dabei sein Umfeld mit einbezieht. Der Cast insgesamt ist nicht nur hervorragend besetzt, sondern leistet auch Erstaunliches. Kate Winslet, die den Oscar für die beste Nebendarstellerin für sich verbuchen konnte, agiert nicht nur als Jobs Assistentin, sondern auch als eine Art jobsche Dolmetscherin. Vor allem in der angespannten und negativen Beziehung zu Chrisann und ihrer gemeinsamen Tochter Lisa, ist Joanna Hoffman als Vermittlerin ein Segen. Seth Rogen, der den großen „Woz“ gibt, verschafft seiner Figur viel Sympathie und zeigt sich publikumsnah, indem er Michael Fassbender als stillen und aufrichtigen Helden begleitet, aber nie in dessen Schatten steht, was man von den Menschen, die sie spielen, nicht behaupten kann. Zum Apple CEO John Sculley, pflegte Steve Jobs anfänglich auch real eine lange Freundschaft. Er war es, der ihn überzeugte zu Apple zu kommen(Sculley arbeitete damals als Vizepräsident von Pepsi Cola), mit dem heute berühmten Zitat:

„Do you want to sell sugared water for the rest of your life? Or do you want to come with me and change the world?“

Jeff Daniels schafft es, John Sculley als langjährigen und sehr vertrauten Freund Jobs zu installieren, was bei der vorherrschenden Schnelllebigkeit bis zum Zerwürfnis der beiden, für die eher ruhigeren Momente sorgt. Auch die visuell beeindruckenden Rückblenden in die Vergangenheit laden zum Verschnaufen ein.

Musikalisch bewegt man sich zwischen den, der technischen Entwicklung angepassten instrumentalen, orchestralen bis hin zu digitalen Sounds, was für einen gewissen Fluss in der Charakterzeichnung und im Leben Jobs sorgt. So heißt das erste Stück des Soundtracks auch passend: „The Musicians Play Their Instruments?“, was aus einem Streitgespräch Jobs und Wozniaks herrühren dürfte, indem Jobs sinngemäß sagte, dass seine Aufgabe wäre das Konzert zu leiten, nach dem Wozniak ihm vorwarf, er könne nichts selbst auf die Beine stellen. Auch der von Jobs verehrte Bob Dylan findet sich auf dem Album wieder, welches genauso durchdacht ist, wie der Rest des Films.

Steve Jobs muss, gemessen an beiden Filmen, ein komplexer Mensch gewesen sein. So schnell wie der Aufstieg, so schnell ist auch Danny Boyles Inszenierung, was gleichzeitig Fluch und Segen ist. Zum einen hält der Film ein enormes Tempo, welches der Branche angemessen ist und Michael Fassbender als Steve Jobs eine äußerst realistische Ausstrahlung gibt, auf der anderen Seite, ist man schnell von all den Wortgefechten erschöpft. Wenn sie sich auch nicht immer in ein Ganzes fügen: Die inhaltlichen und technischen “Konzertteilnehmer“ sind durchgehend grandios arrangiert. Ob die visuelle Gestaltung durch die verschiedenen Zeitebenen, die genannte musikalische Ausstattung oder die intelligent platzierten Dialoge Sorkins, die Jobs als Ekel ausweisen:  Die Gestaltung ist angepasst und durchdacht.

So ist es dieser Inszenierung zu verdanken, dass Steve Jobs hier als Mensch gezeigt wird, der seinen Maschinen und deren Kommunikation untereinander manchmal näher war, als den Menschen um ihn rum, zu denen er keinen Zugang hatte.

Regie: Danny Boyle
Drehbuch: Aaron Sorkin
Musik: Daniel Pemberton
Kamera: Alwin H. Küchler
Darsteller: Michael Fassbender, Kate Winslet,nSeth Rogen, Katherine Waterston, Jeff Daniels, Sarah Snook, Michael Stuhlbarg, John Ortiz, Makenzie Moss, Ripley Sobo, Perla Haney-Jardine, Adam Shapiro