Nippon Connection – Tag 2 (95 and 6 to Go | Happiness | The Projects)

So, es ist an der Zeit, Beiträge nachzuholen, denn dafür fehlte mir selbige beim vollen Festivalprogramm. Der zweite Tag war ebenso wie der Dienstag ein heißer! Da kam die Filmauswahl  und damit gemischte Klimatisierung sehr recht. Es dürfte auch der einzige Tag gewesen sein, an dem ich meine Vorabplanung eingehalten habe. Weiterlesen »

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Cowspiracy (2014) – Das Geheimnis der Nachhaltigkeit von Kip Andersen und Keegan Kuhn

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Der etwas reißerisch geratene Titel, führt bereits zum Kern dieser Umwelt-Dokumentation. Das Thema Nachhaltigkeit dürfte wohl schon jedermann aus den Ohren hängen, obwohl sicherlich nicht mal die Hälfte genau weiß, wovon man eigentlich spricht. So auch Dokumentarfilmer Kip Anderson, der sich zwar umweltpolitisch beteiligt, aber von den Informationen der großen Umweltorganisationen abhängig ist, wie wir alle. Dieser nimmt uns mit auf einen Streifzug durch die amerikanische Nahrungsmittelindustrie und erklärt uns die Hauptproblematik der Nachhaltigkeitsdebatte. Das Problem ist auch hier natürlich der Mensch, aber, etwas differenzierter, ist es hier vor allem die Agrarwirtschaft des Menschen. In kurz: Wir sind zu viele und entnehmen mehr als wir zurückgeben. Nichts Neues? Doch! Denn wir Menschen entnehmen auch unter dem Siegel der Nachhaltigkeit zu viel. Wer sich als darauf ausgeruht hat, Fisch aus nachhaltigerer Fischerei zu kaufen oder aufgrund von Energiesparlampen erst mal im Dunkeln zu sitzen, tut sicherlich etwas für (bzw. gegen) die jeweiligen Bereiche, hier Massentierhaltung und Energieverbrauch, trägt aber wenig zum Thema Nachhaltigkeit bei.

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Auch „glückliche Kühe“ benötigen Land, für das Platz geschaffen werden muss (Regenwald weg), benötigen Wasser (extremer Wasserverbrauch), werden durch Getreide ernährt (Wasserverbrauch hoch, Land weg), produzieren Unmengen an Methan und Dung (Umweltverschmutzung hoch), und werden schlussendlich geschlachtet (Refund: wenig bis gar nicht). Weiterhin wird durch den rasanten Bevölkerungszuwachs immer mehr Vieh benötigt, um die durchschnittlichen Anforderungen zu bedienen, was nicht nur zu den genannten Problemen führt, sondern auch zur Verdrängung  anderer Arten führt und damit das gesamte Ökosystem kippen lässt. Warum nun Cowspiracy? Die beiden Produzenten gehen dem Problem der Offenlegung nach, denn sie fragen sich, warum offenbar viele Organisationen, die sich der Umwelt verschrieben haben (wie z.B. Greenpeace),  wissen, dass wir schlicht und ergreifend zu viel Fleisch essen, jedoch keine dieses als Kernthema aufnimmt, geschweige denn etwas dagegen tut. Die Antwort ist hier, wie überall die gleiche. Lobbyismus, Geld und Druck von oben.

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Andersen und Kuhn produzierten das Ganze und finanzierten es ursprünglich durch Crowdfunding auf Indiegogo. Der in San Francisco lebende Andersen ist unter anderem Unternehmer und Yoga-Lehrer, welcher sich seit der Sichtung des Al Gore-Films „Eine unbequeme Wahrheit“ für den Umweltschutz engagiert. Er gründete AUM Films and Media, eine gemeinnützige Organisation, die sich mit Filmbeiträgen dem Mitgefühl und der Harmonie aller Lebewesen verschrieben hat. Keegan Kuhn stammt ebenso aus San Francisco und ist Video- sowie Dokumentarfilmer. Auch er setzt sich für soziale Belange ein und interessierte sich vor allem für soziale Gerechtigkeit. Beiden ist somit ein Interesse gemein, für ein soziales Gleichgewicht zu sorgen und Missstände innerhalb dessen aufzudecken. Zu Wort kommen in Cowspiracy unter anderem Dr. Richard Oppenlander („Food Choice and Sustainability“), Michael Pollan („The Omnivore’s Dilemma“ uvm.), Dr. Will Tuttle („The World Peace Diat“), Howard Lyman (Ehemaliger Viehzüchter und Tieraktivist), Will Potter (Journalist; „Green Is the New Red“) und Will Anderson (Greenpeace), welche alle den Grundton der Ausgeglichenheit aufgreifen, den die beiden Produzenten anbringen.

Natürlich geht es darum weniger Fleisch zu essen, sehr viel weniger und davon noch mal die Hälfte, aber es geht eben auch um etwas anderes. Wie will der Mensch sich selbst begreifen? Sind wir ein Teil dieses Ökosystems oder verwerten wir es nur? Wir sind dafür geschaffen, mit der Natur und ihren Ressourcen im Gleichgewicht zu leben, nicht sie zu verdrängen. Unsere Einstellung gegenüber der Umwelt muss sich massiv ändern, nicht die gegenüber Umweltverschmutzung. Es geht nicht nur darum, wie man dagegenwirkt, sondern wie man sich als Teil des Ganzen begreift. Anders: Wer in der Lage ist Hühnchen zu essen, sollte auch in der Lage sein, das Huhn zu halten, es dann zu schlachten, es auszunehmen, zu rupfen, zu zerlegen und zuzubereiten (schon allein dieser zeitliche Aufwand sollte zum Denken anregen). Denn dies wäre der natürliche Weg mit unseren Ressourcen umzugehen. Wir alle kennen Mitgefühl gegenüber Lebewesen, welches nicht umsonst in uns verankert ist. Damit ist nicht gemeint, deshalb auf Fleisch zu verzichten und alle Tiere ganz, ganz lieb zu haben, sondern im Verbrauch ein wenig auf dieses Gefühl zu vertrauen. Der Fleischkonsum würde sich  drastisch reduzieren, wenn wir mehr mit unserer Natur umgehen müssten, als wir es heute tun.

Cowspiracy spricht dies durchaus auch an, fokussiert sich aber eher auf Umweltorganisationen, die sich davor scheuen diese Hauptproblematik mit aufzunehmen. Dabei werden viele Fakten genannt, die uns sachlich vor Augen führen, wie wenige dieser Informationen doch letztlich auf unserem Teller landen und wer letztlich Herr und Verursacher der Lage ist. Stellenweise tritt Kip Andersen etwas zu sehr in den Vordergrund und auch die Aufmachung kommt sehr selbstinszenatorisch daher, woran man sich erst einmal gewöhnen muss. Nichtsdestotrotz und vielleicht auch gerade deshalb, brennen sich manche Fakten förmlich ein und regen sicherlich zum Nachdenken an, was bekanntlich manchmal auch in Verhaltensänderungen mündet. Hoffentlich.

DVD-Infos

Verleih: Polyband Medien GmbH

VÖ-Datum:18.03.2016

FSK: 6

Laufzeit: ca. 86 Minuten

Bildformat:16×9 anamorph (2,35:1)

Sprache: Deutsch Dolby Digital 2.0 Englisch Dolby Digital 2.0

Untertitel: Deutsch

Ländercode:2

Anzahl Discs:1 Verpackung: Softbox in O-Card

Bonus: Originaltrailer Land: USA

Regie: Kip Andersen, Keegan Kuhn

Darsteller: Kip Andersen, Keegan Kuhn

The Look of Silence (2014) von Joshua Oppenheimer

The Look of Silence ist der Nachfolger von „The Act of Killing“, welcher ebenso von Joshua Oppenheimer stammt. Hintergrund beider Filme ist die, in den 1960er von der indonesischen Regierung genehmigten, Hinrichtungen vermeintlicher Kommunisten. Behandelte der erste Teil vornehmlich die Perspektive der Täter, widmet sich der zweite Film nun der Perspektive der Opfer, genauer der Familie von Adi Rukun, dessen Bruder Ramli Rukun nicht einfach nur hingerichtet, sondern auf bestialische Weise ermordet wurde. Dass Adi nun gerade ein Vermesser für Brillen ist, mutet hier gleichzeitig absonderlich und doch auch passend an. So wird der Film damit umrahmt, dass er Brillen für die Täter anfertigen lässt und bei dieser Gelegenheit mit ihnen über die gemeinsame Vergangenheit spricht.

1965 wird Ramli von paramilitärischen Milizen ins Gefängnis geworfen, woraus er kurze Zeit später abgeholt und zum Schlangenfluss gebracht wird. Dort sticht man ihm einmal mit dem Messer in die Schulter und einmal in den Bauch. Ramli, kaum lebensfähig, kann flüchten und schleppt sich zu seiner Familie, wo er die Nacht verbringt. Am nächsten Morgen tauchen die Paramilitärs unter dem Vorwand, ihn ins Krankenhaus bringen zu wollen, bei seiner Familie auf. Seine Mutter bittet die Anführer, ihren Sohn begleiten zu dürfen, was ihr verwehrt wird. Es ist ein angehaltener Atemzug von vielen, der innerlich ein ganzes Land teilen wird. Nicht die Hinrichtungen selbst, sondern die Konsequenz und die Härte, mit der sie durchgesetzt wurden, rütteln bis heute an Indonesien und dank Joshua Oppenheimer haben sie nun eine Stimme.

Diese führt uns in seine verdrehte Wirklichkeit, die am Stück schwer auszuhalten ist. Die Familie Rukuns, gezeichnet. Sein Vater, ausgemergelt, blind, taub und laut eigener Angabe 16-17 Jahre alt, ist der Spiegel einer Gesellschaft, die vergessen möchte, aber weiterhin in Angst lebt. Die stoische Ruhe seiner Mutter, Resultat des aussichtslosen Kampfes, der niemals Ruhe gibt. Beide leben Tür an Tür mit den Mördern ihres Sohnes, vor denen sie warnen.

In kurzen Interviews mit diesen Männern, agiert Adi vor allem deshalb auch bedacht und höflich. Die dadurch zustande kommende Spannung ist zu jeder Zeit spürbar und findet ihren Höhepunkt immer in der Konfrontation mit der Ermordung des Bruders, was die Situation für ein paar Minuten entblößt und uns einen Blick in das Gewissen von Massenmördern und ihren Angehörigen gewährt. Wie selbstsicher sich die Angeklagten teilweise dabei fühlen, kann man in Haltung, Auftreten und kaum zu verhehlenden Drohgebärden sehen. Kein Bedauern, kein Einfühlungsvermögen, keine Einsicht. Unterdessen stellen die Mörder Ramlis, den Mord an selbigen nach. Stolz agieren sie vor der Kamera. Ramli haben sie einfach wieder zum Schlangenfluss verschleppt, wo ihm der Penis abgeschnitten wurde, bis er verblutete. Mit einem Tritt beförderte sie ihn dann in den Fluss. Die ganze Prozedur kann man in einem bebilderten Buch von einem der Täter detailliert nachlesen. Es soll am Ende dessen Ehefrau sein, die als einzige eine Entschuldigung gegenüber seinem Bruder hervorbringt. Gewusst habe sie von den Taten ihres Mannes aber nie etwas.

Joshua Oppenheimer arrangiert den ganzen Film als Begegnungen auf Augenhöhe. Nur, wenn Adi die Brillen vermisst hält er für einen kurzen Moment die Oberhand, um seine Fragen zu stellen und das Schweigen zu brechen. Dass er sein Gegenüber als Mörder betitelt, wirkt dabei zunehmend natürlicher.

Mörder genannt zu werden bedeutet hier stolz auf etwas, und angesehen zu sein. Dabei entsteht im Verlauf jedoch durchaus ein differenziertes Bild. Wie auch schon im vorigen Film, präsentieren sich diese Männer stellenweise feingeistig. Sie sind musikalisch, künstlerisch und naturverbunden und im Umgang mit ihren Enkeln und Tieren zeigen sie sich liebe- und verständnisvoll. Es bleibt somit bei der Frage, ob diese aufgeladene Schuld allein durch Organisierung dieser, ihre Rechtfertigung findet und finden kann. Im Ausdruck der Beteiligten kann man die Antwort erahnen. Am Ende dürfen wir verpuppte Raupen sehen, die aus ihrem Kokon wollen. Sie werden von Adis Mutter gehalten.

Erscheinungsjahr: 2014

Regie: Joshua Oppenheimer

The Act of Killing (2012) von Joshua Oppenheimer

Nach dem misslungenen Militärputsch Indonesiens im Jahre 1965, hängte die Regierung alles der PKI, der kommunistischen Partei Indonesiens an. Kommunisten galten von da an als Freiwild und durften auf, von der Regierung genehmigte, jede erdenkliche Weise getötet werden. Ziel war die vollständige Vernichtung aller. Dessen nahmen sich paramilitärische organisierte Truppen, sogenannte Premen, an (Aussprache und Wortherkunft beziehen sich auf „free men“), welche sämtliche Chinesen und Intellektuelle als Kommunisten ansahen. Als Kommunist verdächtigt zu werden galt als sofortiges Todesurteil, deren ausführende Vollstrecker nie bestraft wurden, sondern bis heute zu der gehobeneren Gesellschaft Indonesiens zählen. In aller Öffentlichkeit berichten sie von ihren Taten und brüsten sich mit ihrem Werk, allen voran Organisationen, wie die Pemuda Pancasila, die bis heute existiert.

Der Dokumentarfilmer Joshua Oppenheimer konzentriert sich auf diese Täter und schlägt dabei einen ungewöhnlichen Weg ein. Er bittet sie im Vorfeld, einen Film über die damalige Zeit zu drehen, und somit ihre Taten nachzustellen. Anwar Congo, selbst Massenmörder, dient hier als Bezugspunkt für den Zuschauer. Seine Morde waren vom amerikanischen Hollywood-Kino inspiriert, die er aus seiner früheren Tätigkeit als Einlasser beim ortsansässigen Kino hatte. Aufgrund dessen wird auch der geplante Film von diesen erzählenden Elementen beeinflusst. Folter und Verhör werden hier ganz im Stil eines Kriminal-Films präsentiert. Durch die begrenzte Anzahl an Darstellern, nehmen die Täter auch Opferrollen ein und müssen sich so mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen.

„So viele Morde müssen einen verrückt machen.“

Die zentrale Frage, die über jeder Inszenierung schwebt, bezieht sich auf den Umgang mit genehmigter und geduldeter Gewalt, die keine Bestrafung, sondern nur Rechtfertigung findet. Es sind Fragen nach Reue, Mitgefühl und Schuld. Die psychische Katharsis, über die Anwar ab und an stolpert, ist zäh, widerspenstig, und mitunter sogar fröhlich. Er berichtet leise von Träumen, die ihn manchmal verfolgen oder Geräusche von Sterbenden. Schuldgefühle werden von den Beteiligten aber deutlich verneint, als ob sie sich dessen selbst versichern müssten und mit überbelichteten fantastischen Szenen, und Figuren ins Lächerliche gezogen.

Die Realitätsferne, der die Premen unterworfen sind, offenbart sich hier ausgerechnet in aufziehendem Mitgefühl, wenn sie beginnen sich selbst und ihre Methoden zu hinterfragen. „Don´t worry, be happy“ trällert der angeschraubte Fisch eines Pancasila-Mitglieds auf Knopfdruck.

Joshua Oppenheimer deckt hier schonungslos humane Abgründe auf, die in einer anderen Realität lebhaft pulsieren. Mit der narrativen Verzerrung der dokumentarischen Realität schafft er andere Zugangsebenen für die Täter und den Zuschauer, die nichts an Schrecken einbüßen. The Act of Killing zeigt keine Reue, vergießt wenig Tränen und hält nichts bereit, um zu heilen.

 

 

 

Erscheinungsjahr: 2012

Regie: Joshua Oppenheimer

Drehbuch: /

Schauspieler: /