Herzensbrecher (2010) von Xavier Dolan – Dieses obskure Objekt der Vorstellungskraft

Vörred: Manchmal trifft auf jemanden und eine Vorstellung dieser Person schraubt sich traumschlossartig in unbestimmte Höhen, bestimmt das Denken und, zum Leidwesen des Verzückten, auch manchmal das Handeln. Meine Dolan-Reise geht weiter und es bleibt dabei, er ist ein ausgezeichneter Beobachter und schafft es zudem, ausgezeichnete Bilder seiner Eindrücke zu vermitteln. 

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Mysterious Skin – Unter die Haut (2004) von Gregg Araki

© 2010 Antidote Films
© 2010 Antidote Films

Dieser Film wird im Rahmen der Themenwochen: Mark My Mood: Schäumende Träume besprochen.

Mysterious Skin klebt am Zuschauer wie süßer und übelkeitverursachender Zucker. Nichtsdestotrotz sollte man dies, wenn man es noch nicht hat, billigend in Kauf nehmen, um ein thematisch rundum gelungenen Film zu sehen. Momentan auch bei Netzkino verfügbar. 

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Spotlight (2015) von Tom McCarthy

Der Zeitschrift Boston Globe ist eine eigene investigative Abteilung zu eigen, welche über längere Zeiträume über vermeintlich brisante Themen recherchiert und in der Folge ihre Leserschaft über diese Themen aufklärt – hier namentlich mit Spotlight betitelt. Zeitung und Spotlight-Team, bestehend aus Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams), Michael Rezendes (Mark Ruffalo), Steve Kurkjian (Gene Amoroso), Matt Carroll (Brian d’Arcy James) und Eileen McNamara (Maureen Keiller) bekommen einen neuen Editor – Marty Baron (Liev Schreiber). Baron liest in einer Kolumne über die Vertuschung eines Missbrauchs-Skandals durch den Kardinal Law, dem Erzbischof von Boston, und macht sie zum Hauptanliegen von Spotlight, welche die Spur vorerst bis zu 13 Priestern verfolgt.

Die Geistlichen wurden nach dem Vorwurf des Missbrauchs vom Kardinal unter falschen Angaben in andere Positionen versetzt. Auf deren Spur kommt die Arbeitsgruppe nicht zuletzt durch die Hilfe von Anwalt Mitchell Garabedian (Stanley Tucci) und dem Leiter einer Opfer-Rechts-Organisation (Neal Huff). Vorerst skeptisch ob der Bedeutungsschwere der Story, kommen dem Team um Chef Walter Robinson (Michael Keaton) immer neue Hinweise unter, die sich zu einem globalen Skandal ausweiten sollen, und an dessen Ende nicht nur über 6.000 Priester angeklagt sind, sondern das gesamte System Kirche schwanken wird.

Tom McCarthy verfolgt die Untersuchung dieses brisanten Materials im Film nüchtern und sachlich. Die Protagonisten können sich innerhalb dieser Ausrichtung voll entfalten und dieser auf Tatsachen beruhenden Geschichte geschlossen entgegentreten. Obwohl Mark Ruffalo in der Figur des Michael Rezendes hier hervorgehoben werden sollte, erhebt McCarthy angenehmerweise keinen seiner Figuren zu Helden, sondern zeigt mühselige und akribische Pressearbeit, die nie langsam oder schwerfällig daherkommt. Jeden ihrer Schritte, sei es im Auf- oder Nachspüren, verfolgt man mit gestocktem Atem, Betroffenheit oder Fassungslosigkeit. Darstellungen einzelner Opfer berühren hier mit Feingefühl und Aufrichtigkeit, und nicht mit betroffenheitssignaliserenden Missbrauchsszenarien. Die perfide Maschinerie der Umgarnung durch Geistliche wird in den Gesprächen mit den Missbrauchsopfern schonungslos offengelegt und weiß mit zu verachtender Selbstverständlichkeit zu beeindrucken.

Dabei wird der Fokus im Film vor allem auch auf institutionelle Nachlässigkeiten gelegt. Die große Wahrheit kennt hier niemand, aber alle halten sie die Anzeichen dafür in der Hand und müssten nur genauer hinsehen. Die Institution Kirche hat somit häufig nur kleine Gegenspieler, welche selbst nicht viel ausrichten können, und weiß diese Macht zu nutzen. Aber auch hier wird man keine stilistische Erhöhung des Zeigefingers finden, im Gegenteil. Der Zuschauer ist selbst gefragt.

„ If it takes a village to raise a child, it takes a village to abuse them.”

Es ist diese Art von Inszenierung, die Spotlight mehr als nur sehenswürdig macht. Als Abbild von Realität kann ein Film immer nur eine Wiederholung einer Wahrheit sein, sofern diese dem Film unterliegt. Spotlight lässt diese Wahrheit nicht nur weitestgehend für sich sprechen, sondern atmet förmlich durch sie. Überbläht wirkt nur die Macht der Kirche, deren Gegenstück diese Macht missen lässt. Als 4. Gewalt tritt hier die Presse in den Vordergrund, welche die einzelnen Puzzle-Teile für sich zu nutzen weiß. Nur der Wahrheit und dem Leser verpflichtet schafft sie das, was andere nicht können. Sie wird hier zum eigentlichen Helden und erinnert an die Ära der Printmedien, die heute immer mehr der Vernetzung und Schnelllebigkeit zum Opfer fallen, welche sie einst selbst für sich beansprucht haben. Im Vatikan sowie der absteigenden Rangordnung wird man wohl wieder die Köpfe einziehen müssen, auf dass der neuerliche Sturm schnell vorüberziehen möge.

Spotlight ist vor allem ein Plädoyer für Pressearbeit, aber auch für unabhängige Untersuchungen vom weitestgehend frei agierenden System Kirche, welches Millionen von Menschen beeinflusst und prägt. Glaube sollte keine Auseinandersetzung und Kritik ersetzen, sondern innerhalb dessen wachsen und blühen, denn es ist der fehlbare Mensch, der ihn in die Welt trägt.

Regie: Tom McCarthy

Drehbuch: Tom McCarthy, Josh Singer

Darsteller: Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber, John Slattery, Brian d’Arcy James, Stanley Tucci, Elena Wohl, Gene Amoroso, Dough Murray, Sharon McFarlane, Jamey Sheridan, Neal Huff,  Billy Crudup, Robert B. Kennedy

Der Marsianer-Rettet Mark Watney (2015) von Ridley Scott

„Der Marsianer“ fußt auf dem gleichnamigen Roman von Andy Weir und handelt von Mark Watney (Matt Damon), einem Astronauten und Botaniker. Dieser bleibt während einer Mars-Mission am Tag 18 (Sol 18) unter unglücklichen Umständen zurück und muss, auf sich allein gestellt, sein Überleben sichern. Mittels persönlichem Logbuch und Selbstgesprächen erfahren wir von seinem Plan, sich 4 Jahre lang über Wasser zu halten, um am Ende dieser, die Raumstation Ares IV zu erreichen und mit der dortigen Crew wieder zur Erde zu kommen. Es soll ein langer Weg werden.

Als einziger Mensch auf dem roten Planeten, zeigt sich Watney sofort von seiner derben Seite. Das einzige, was ihm in seiner Erkenntnis noch zu sagen bleibt, ist: „Fuck“. In Anbetracht der Lage mehr als angemessen und nahezu gemäßigt. Statt zu verzweifeln, überlegt er sich nun aber, wie er zu Nahrung und Wasser kommt. Ist es beim Wasser noch ein komplizierter Prozess, wird es beim Essen schon einfacher. Mars-Erde + Crew-Exkremente= Kartoffeln. Durchkalkulierte, auf 4 Jahre ausgelegte Feldarbeit.

Mittels eines persönlichen Logbuchs zeichnet er diese und andere Vorhaben auf. So ersinnt er im Laufe vorüberziehender Sols auch einen Weg mit der NASA zu kommunizieren, was nicht nur der NASA gefällt, sondern der ganzen Welt, die nun an dieser Misere teilhaben darf. Allein auf einem Planeten und die ganze Welt fiebert mit.

(Wer sich dafür interessiert, was Watney der NASA in der Romanvorlage übermittelte, nachdem sie ihn darauf hinwiesen, gemäßigtere Worte zu finden, der wird am Ende fündig)

Diese ganze Szenerie wirkt vorerst so unwirklich, dass man meinen könnte, man stecke in einem Wunschbild von Watney, der davon träumt Astronaut zu werden oder einem Traum der NASA, die fortan nur noch Bauern ins All schießt. Denn die Erwägung des Survival-Dramas kontert hier mit flotten Sprüchen, menschlichem Geschick und viel Erfindungsreichtum, ganz gemäß des hochgelobten technischen Feingefühls der Romanvorlage. Durch die anhaltende filmische Umsetzung selbiger, befindet man sich in einem immerwährenden Kontrast, der einem ein inneres Schmunzeln aufzwingt. Alles verkommt zur Farce, ohne jemals surreal zu sein. Selbst Anspielungen auf Fantasy-Verfilmungen wirken hier nicht deplatziert, genauso wenig wie Watney, der eben auf einem Planeten hockt und darauf wartet, dass ihn jemand abholt.

Sich dieser komischen Situation durchaus bewusst, verhält er sich nur folgerichtig und sorgt nicht nur bei der NASA für viel Erheiterung. Vor allem deshalb, verliert dieser Film nicht an Authentizität, sondern bildet ungehemmt eine mögliche Realität ab.

Die Rettung von Mark Watney ist großes Unterhaltungskino, das nicht auf profane Effekte setzt, sondern Einfallsreichtum, vor sich hinschleichende Spannung und subtilen bis frechen Humor in den Vordergrund stellt. Die homerische Odyssee bekommt hier einen aktuelleren Anstrich und wird über Schmerzgrenzen hinaus ausgereizt. Das Leben ist manchmal schrecklich banal und überdies vernetzt. Man kann nur damit umgehen und aufpassen, dass man nicht in seine eigenen Exkremente tritt.

„Seht mal da! Zwei Titten! –› (.Y.)“

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: Drew Goddard

Darsteller: Matt Damon, Jessica Chastain, Kate Mara, Kristen Wiig, Sean Bean, Sebastian Stan,Chiwetel Ejiofor, Mackenzie Davis, Benedict Wong, Donald Glover

Beitragsbild: © Twentieth Century Fox of Germany GmbH

 

The Look of Silence (2014) von Joshua Oppenheimer

The Look of Silence ist der Nachfolger von „The Act of Killing“, welcher ebenso von Joshua Oppenheimer stammt. Hintergrund beider Filme ist die, in den 1960er von der indonesischen Regierung genehmigten, Hinrichtungen vermeintlicher Kommunisten. Behandelte der erste Teil vornehmlich die Perspektive der Täter, widmet sich der zweite Film nun der Perspektive der Opfer, genauer der Familie von Adi Rukun, dessen Bruder Ramli Rukun nicht einfach nur hingerichtet, sondern auf bestialische Weise ermordet wurde. Dass Adi nun gerade ein Vermesser für Brillen ist, mutet hier gleichzeitig absonderlich und doch auch passend an. So wird der Film damit umrahmt, dass er Brillen für die Täter anfertigen lässt und bei dieser Gelegenheit mit ihnen über die gemeinsame Vergangenheit spricht.

1965 wird Ramli von paramilitärischen Milizen ins Gefängnis geworfen, woraus er kurze Zeit später abgeholt und zum Schlangenfluss gebracht wird. Dort sticht man ihm einmal mit dem Messer in die Schulter und einmal in den Bauch. Ramli, kaum lebensfähig, kann flüchten und schleppt sich zu seiner Familie, wo er die Nacht verbringt. Am nächsten Morgen tauchen die Paramilitärs unter dem Vorwand, ihn ins Krankenhaus bringen zu wollen, bei seiner Familie auf. Seine Mutter bittet die Anführer, ihren Sohn begleiten zu dürfen, was ihr verwehrt wird. Es ist ein angehaltener Atemzug von vielen, der innerlich ein ganzes Land teilen wird. Nicht die Hinrichtungen selbst, sondern die Konsequenz und die Härte, mit der sie durchgesetzt wurden, rütteln bis heute an Indonesien und dank Joshua Oppenheimer haben sie nun eine Stimme.

Diese führt uns in seine verdrehte Wirklichkeit, die am Stück schwer auszuhalten ist. Die Familie Rukuns, gezeichnet. Sein Vater, ausgemergelt, blind, taub und laut eigener Angabe 16-17 Jahre alt, ist der Spiegel einer Gesellschaft, die vergessen möchte, aber weiterhin in Angst lebt. Die stoische Ruhe seiner Mutter, Resultat des aussichtslosen Kampfes, der niemals Ruhe gibt. Beide leben Tür an Tür mit den Mördern ihres Sohnes, vor denen sie warnen.

In kurzen Interviews mit diesen Männern, agiert Adi vor allem deshalb auch bedacht und höflich. Die dadurch zustande kommende Spannung ist zu jeder Zeit spürbar und findet ihren Höhepunkt immer in der Konfrontation mit der Ermordung des Bruders, was die Situation für ein paar Minuten entblößt und uns einen Blick in das Gewissen von Massenmördern und ihren Angehörigen gewährt. Wie selbstsicher sich die Angeklagten teilweise dabei fühlen, kann man in Haltung, Auftreten und kaum zu verhehlenden Drohgebärden sehen. Kein Bedauern, kein Einfühlungsvermögen, keine Einsicht. Unterdessen stellen die Mörder Ramlis, den Mord an selbigen nach. Stolz agieren sie vor der Kamera. Ramli haben sie einfach wieder zum Schlangenfluss verschleppt, wo ihm der Penis abgeschnitten wurde, bis er verblutete. Mit einem Tritt beförderte sie ihn dann in den Fluss. Die ganze Prozedur kann man in einem bebilderten Buch von einem der Täter detailliert nachlesen. Es soll am Ende dessen Ehefrau sein, die als einzige eine Entschuldigung gegenüber seinem Bruder hervorbringt. Gewusst habe sie von den Taten ihres Mannes aber nie etwas.

Joshua Oppenheimer arrangiert den ganzen Film als Begegnungen auf Augenhöhe. Nur, wenn Adi die Brillen vermisst hält er für einen kurzen Moment die Oberhand, um seine Fragen zu stellen und das Schweigen zu brechen. Dass er sein Gegenüber als Mörder betitelt, wirkt dabei zunehmend natürlicher.

Mörder genannt zu werden bedeutet hier stolz auf etwas, und angesehen zu sein. Dabei entsteht im Verlauf jedoch durchaus ein differenziertes Bild. Wie auch schon im vorigen Film, präsentieren sich diese Männer stellenweise feingeistig. Sie sind musikalisch, künstlerisch und naturverbunden und im Umgang mit ihren Enkeln und Tieren zeigen sie sich liebe- und verständnisvoll. Es bleibt somit bei der Frage, ob diese aufgeladene Schuld allein durch Organisierung dieser, ihre Rechtfertigung findet und finden kann. Im Ausdruck der Beteiligten kann man die Antwort erahnen. Am Ende dürfen wir verpuppte Raupen sehen, die aus ihrem Kokon wollen. Sie werden von Adis Mutter gehalten.

Erscheinungsjahr: 2014

Regie: Joshua Oppenheimer