Herzensbrecher (2010) von Xavier Dolan – Dieses obskure Objekt der Vorstellungskraft

Vörred: Manchmal trifft auf jemanden und eine Vorstellung dieser Person schraubt sich traumschlossartig in unbestimmte Höhen, bestimmt das Denken und, zum Leidwesen des Verzückten, auch manchmal das Handeln. Meine Dolan-Reise geht weiter und es bleibt dabei, er ist ein ausgezeichneter Beobachter und schafft es zudem, ausgezeichnete Bilder seiner Eindrücke zu vermitteln. 

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Moonlight OmU (2017) von Barry Jenkins – Who is you?

VörreedBarry Jenkins bester Twist?

Genau. Gratulation an das Moonlight-Team zum Best Picture-Gewinn! Mehr als verdient.

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La La Land (2016) von Damien Chazelle – Etwas zu viel lala

Vörreed: Wer nicht einmal debil grinsend in diesem Film sitzt, hat kein Herz oder gerade andere Sorgen. Man muss allerdings aufpassen, nicht an der all der Zuckerwatte zu erticken. Klebriges Zeug, das.
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Die Taschendiebin (2016) von Chan-wook Park zieht euch die (Hand-)schuhe aus

Vörreed: Das ist mir auch noch nie im Kino passiert. Im Zuge meines neulich gefassten Neujahrsvorsatzes habe ich im Vorfeld nicht viel über den Film gelesen. Da sitze ich nun in meinem Kinosessel und lasse mich von der malerischen Handlung der Taschendiebin einfangen, als sich plötzlich die Gewissheit einstellt, das alles schon mal gesehen zu haben.
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Prinzessin Fantaghirò (1991-1996) von Lamberto Bava – Guilty Pleasure #1

Außerhalb einer Wertung, die in Zahlen gefasst werden könnte! 

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Her (2013) von Spike Jonze und die „Retterin Hollywoods“

© Warner Bros. Ent.
© Warner Bros. Ent.

Überbleibsel Melancholie

Her ist einer der besten Filme, die in jüngster Zeit über den großen Teich waberten. Will man in einen tiefen melancholischen See abtauchen und trotzdem atmen, ist man bei Her bestens aufgehoben. Theodore Twombly (Joaquín Phoenix) ist emotional noch mitten in der Scheidung von seiner früheren Jugendliebe. Während er beruflich gefühlvolle Texte verfasst, um anderen Menschen den Zugang zu ihren Gefühlen zu erleichtern, ist seit der Trennung kein Platz mehr für eigene. Diesen Platz räumt Theodore nach einem weiteren missglückten Date dann einer ganz besonderen Person ein. Seiner zukünftigen Gefährtin Samantha (Stimme: Scarlett Johansson) – einem Betriebssystem. Auch Theodores Real-Life Freundschaft Amy (Amy Adams) kann der digitalen Liebe nicht widerstehen und so geben sich beide einer künstlichen Beziehung hin.

Vernetzung ohne Verbindung

Her spielt in einer nicht näher bezeichneten Zukunft in der die Digitalisierung weiter fortgeschritten ist. Headsets weichen intelligenten In Ear-Komponenten, Neuentwicklungen dem Update, Individualität der Konformität. Die Weiterentwicklung ist nicht mehr erkennbar, sie ist angekommen. In Her sehen wir keine Dystopie im herkömmlichen Sinne, sondern eine nachvollziehbare, mögliche Ausbildung unserer heutigen Welt – traumwandlerische Gebilde unserer Entfremdung. Die spezielle Farbgebung im Film unterstreicht die Entfernung zueinander, die wir heute bereits deutlich spüren. Theodore, welcher die warmen Rottöne seiner Empfindungen durch seine Welt trägt, trifft dort auf kühles Gelb und fades Khaki. Ausdrücke seiner Empfindungen werden von Samantha abgespeichert, verwaltet und weiterentwickelt. Das Betriebssystem als Schnittstelle zwischen Körper und Gefühl des Benutzers.

Her – Red (Between Frames) from Between Frames on Vimeo.

In mehreren Ebenen nähert sich Her der Frage, wie Gefühle in voneinander abgekapselten Welten überleben. Die angestimmte, ruhige und fast einlullende Atmosphäre, passt zur gleichgültigen Akzeptanz einer von Technik beherrschten Welt. Während die Technik sich immer weiter und höher entwickelt, bleibt der Mensch nur ein Mensch. Das ist es auch was Her neben so vielen anderen Dingen zu einem wichtigen Film macht. Er stellt die kritisierte Künstlichkeit her, lässt sie aber gleichzeitig zu einem Erlebnis werden.

Möglich gemacht hat ihn Megan Ellison, Tochter des Oracle-Gründers und Multimilliardärs Larry Ellison. Ohne sie wäre der Film von Regisseur Spike Jonze wahrscheinlich nie realisiert worden.

Too risky for good old Hollywood?

Megan Ellison hat sich nach einem abgebrochenen Filmstudium aufs Filme produzieren verlegt. Mit ihrem Studio Annapurna Pictures bereichert sie einen in die Jahre gekommenen amerikanischen Filmmarkt. Die Filmografie ihres Studios liest sich wie das letzte Stück Kuchen auf dem Teller und wird auch genauso gern verschlungen. Eine Auswahl:

2012 

Lawless – Die Gesetzlosen (Lawless)
Killing Them Softly
The Master
Spring Breakers
Zero Dark Thirty

2013 

Her
American Hustle

2014

Foxcatcher

2015

Terminator Genisys

Joy

2016

Everybody Wants Some!

Sausage Party

Wiener Dog

Annapurna Pictures : 2012 – Present from APPICS on Vimeo.

Und genauso will sich Ellison wohl auch verstanden wissen. Innovative und mutige Filme stehen auf ihrer Agenda. Independent-Kino im Großformat. Kritische Stimmen hingegen machen sie mitverantwortlich für den drohenden Hollywood-Kollaps. Da der Großkonzern es sich nicht erlaubt, Filme zu produzieren, deren Einspielergebnis unklar ist, werden Filme wie Her von vornherein abgelehnt. Qualität hin oder her. Raise the stakes ist der Grundton in Hollywood. Warum? Weil es von den meisten Zuschauern erwartet wird. Das Problem daran sind die immer höher werdenden Kosten von Großprojekten, welche refinanziert werden müssen.

Annapurna ist die hinduistische Muttergöttin für Nahrung und Reichtum. Unter ihrem Wohlwollen soll niemand mehr Hunger und Elend erleiden und die Kochkunst beherrschen. Klarer könnte Ellison es nicht ausdrücken: Ihr pathetischer Unterbau für die Ziele ihres Studios lassen keinen Zweifel daran, was diese Dame kann und auch will.

Was sagt ihr zu einer solchen Entwicklung? Verderben mehre Köche den Brei (um bei der Nahrungsmittelmetapher zu bleiben…)? Begrüßenswert oder abstoßend?

 

Casablanca (1942) von Michael Curtiz /Reframed #2

Hallo zum zweiten Reframed-Special. In diesen Specials werden wegweisende und bahnbrechende Filme neu „gerahmt“, sprich ausführlich vorgestellt. Eigentlich ist das aber nur eine Ausrede, um sie mir noch mal oder zum hundertsten Mal anzuschauen… Heute mit Casablanca, einem Meilenstein der Filmgeschichte. Warum das so ist, erfahrt ihr hier.

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North & South (2004) von Brian Percival

Vier Stunden sind für diese Verfilmung nicht zu lang, sondern höchstens ausreichend. North & South wird innerhalb der Literatur von manch Abtrünnigen als das bessere Stolz und Vorurteil gehandelt. Immerhin hat man mich nun so weit, dass ich dazu keine Stellung mehr beziehe, bevor ich das Buch nachgeholt habe.

Zur Sache: Niemals gefühlsduselig, fesselnd und nie auch nur einen Schritt daneben, präsentiert sich diese Verfilmung von Elisabeth Gaskells Roman. Um Stolz und Vorurteile dreht sich auch hier alles, aber vor allem handelt es auch von Sitten und Sittlichkeit. Sittlichkeit kommt immer mit gemein akzeptierten gesellschaftlichen Regeln und Bestimmungen. Diese stellt hier auf, wer sich auch anderweitig an der Macht bedient und diese für sich zu gebrauchen weiß. Sie begrenzt das Denken Untenstehender und verwehrt ihn das Emporkommen. Mit den Erschwernissen an Bildung, Nahrung und Meinung zu kommen, hält man den denkenden Geist fest im Zaum, die Tugend gilt dabei als Wert der Vermarktung und Chance des Emporkommens in der Welt.

Dies sind alles keine neuen Themen aus dieser Zeit und unter anderem auch bei Charles Dickens sehr gut aufgehoben, dennoch weiß dieser Film diese einzelnen Stränge in Schönheit und mit Liebe zu verpacken, ohne je willkürlich zu wirken. Es ist somit ein aktuelles Portrait einer Gesellschaft, wie sie heute existiert, wenn auch mit feineren Abstufungen. Eine Liebesgeschichte, die eigentlich von der Liebe der Menschen handelt, die sich in verschiedenen Ansichten, aber in der gleichen Lage wiederfinden und gemeinsam etwas bewegen wollen. Menschen, deren Interessen und Leidenschaften nicht so entfernt voneinander sind, wenn sie sich die Mühe machen, einander zuzuhören. Sehr sehenswert!

 

Persuasion (2007) von Adrian Shergold

Verführung. Was macht einen starken Charakter aus? Inwieweit darf dieser sich beeinflussen oder verführen lassen? Wie wird er verführt und wodurch?

Im Allgemeinen haben alle Fragen in diesem Zusammenhang eines gemeinsam: Die Gunst oder das Wohlwollen liegen beim Verführer selbst. In der selbst gewählten Unterordnung löst sich die Schuldigkeit, im Aufbegehren lädt sich Gewissensschuld für das eigene Handeln auf. Es ist auch Schuld, die die Heldin hier mit sich herumträgt, genauer: Die Schuld einmal im Leben eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Gezeigt werden die Folgen, die aus Verführung und Schuld erwachsen können. So müssen alle Figuren sich stets selbst fragen, ob sie sich beugen oder aufbegehren. Ob es um gesellschaftliche Konventionen, Gefühle oder das eigene Handeln geht, stets wird unter Umgehung der Schuld oder Schuldigkeit gesellschaftliches Leben abgehandelt. Die Freiheit existiert nur in Gedanken und dieser Käfig wird nur allzu deutlich, wenn verletzter Stolz und Eitelkeit diesen vor der Wirklichkeit verriegeln.

Persuasion oder auch Verführung/Überredung ist ein relativ unbeachtetes und das letzte vollendete Buch von Jane Austen. Man darf sich also eigentlich freuen, wenn die BBC sich dessen annimmt. Allerdings erfährt die Verfilmung nicht sonderlich viel Beachtung. Hektisch werden mittels inflationär eingesetzter Wackelkamera alle Stationen abgearbeitet, dass einem schwindelig wird. Bevor man die Chance bekommt, sich auf eine Figur einzulassen, wird man mit dröhnendem Sound davongejagt. Sally Hawkins interpretiert die Figur Anne Elliot recht eigenwillig und, wenn man jemals nach einem weiblichen Pendent für die redmaynsche bebende Unterlippe gesucht hat… Hier wird man durchaus fündig. Das fällt aber sicherlich unter Geschmackssache. Ein allgemeines overacting kann man dem Film aber dennoch nicht absprechen, weshalb die Grundthematik oft zu exzentrisch gerät. Verführung ist im Wortsinn selbst schon subtil und kann nicht einfach schreiend ausgestellt werden. Weniger ist manchmal eben mehr. Dass am Inhalt nicht viel verändert wurde ist positiv anzumerken, da man trotz der Umsetzung noch ein gutes Gefühl für die Kernthematik bekommen kann, welche sich ganz auf die Selbstbefreiung der Hauptfigur konzentriert.

Diese Frage nach Auto- und Heteronomie zieht sich oft durch die Romane Jane Austens, aber in keinem so deutlich wie hier. Die übrig gebliebene Eigenverantwortlichkeit wird hier als Motor für Veränderungen betrachtet, die nicht zwangsläufig mit allen Konventionen brechen muss. Im Spiegel seiner selbst kann man aus Vergangenem lernen und sich neu emanzipieren, wenn man bereit ist die Verantwortung dafür zu tragen. So zeichnet Persuasion ein sehr optimistisches Bild, welches die damalige und vielleicht auch heutige Gesellschaft als Zuflucht willkommen heißt.

Ein besonderer Tag (1977) von Ettore Scola

Wenn wir in die Wohnung von Hausfrau Antonietta sehen, dann fühlen wir vielleicht, es ist nicht so recht in dieses Fenster zu schauen, aber es ist notwendig. In einem hohen Wohnblock, Sinnbild einer Vereinheitlichung und Durchsichtigkeit, die sich im Inneren zu halten versucht, dürfen wir einen Auszug aus Antoniettas Leben sehen, welche vermeintlich alles hat. Einen Ehemann, Kinder in großer Zahl und eine leidenschaftliche, unerschütterliche faschistische Grundüberzeugung, die sie mit ihrem Mann und ihren Kindern teilt.

Anlässlich des Besuches Adolf Hitlers und zu seinen Ehren, richtet Mussolini 1938 eine Parade in Rom aus, die von allen Römern mit Spannung und Vorfreude erwartet wird. Rom hat sich rausgeputzt. Rom ist in Erwartung. Antonietta bleibt zu Hause und räumt auf. Dunkle Augenringe zeichnen die Tüchtigkeit dieser Frau aus, der die Rolle der systemtreuen Hausfrau und Mutter schon längst ins Blut übergegangen ist.

„Ordnung ist die Tugend der Mittelmäßigkeit.“

Pflichtbewusst öffnet Antonietta auch den Vogelkäfig des Beos, welchen sie zu füttern gedenkt, und leitet damit die Wandlung eines Lächelns ein. Ein Lächeln, das den Römern schon längst im Halse stecken geblieben ist, da zwischen Disziplin und Ordnung kein Platz dafür sein kann. Ein Lächeln, das zur Gefahr geworden ist, weil man es nicht kontrollieren kann. Ein einsames Lächeln, das sich selbst verleugnet, versteckt hinter einer Parade zu Ehren der wirklich Fröhlichen. Die Höhne des munteren Beos kann nur auf sie herabsehen.

„Lass das sein!“ schreit er vom Dach, während Antonietta auf ihren Nachbarn trifft und sie gemeinsam versuchen den dreisten Vogel wieder einzufangen.

Oft zögerlich und höflich drückt sich dabei das vorsichtige Lächeln Antoniettas gegen das von Gabriel. In der Peinlichkeit des ersten Moments kann es die Autorität der Verantwortlichkeit befreien, während es sich immer noch in Vorsicht übt. Vereint in der Erlösung der Befreiung, sucht es sich beständig seinen Weg, nur um dann plötzlich hervorzubrechen. Ein besonderer Tag. Ein besonderer Tag ist es, wenn er aus vielen Augenblicken besteht und von Zeit zu Zeit der Augenblick des Lachens kommt. Wie beim Niesen. Einfach so.

Es beginnt eine ehrliche und ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden, die tragigkomischer nicht sein könnte. Sensibel und schüchtern vermischen sich zwei Seelen miteinander, zwei Seelen die ein Lachen vergessen haben. Wenn wir eben dieses Lachen erfahren dürfen, dann sehen wir nicht nur zwei Menschen im Aufgang einer Freundschaft, sondern eine im Untergang befindliche Überzeugung, die einer offenen Verhöhnung nicht mehr bedarf, weil sie sich selbst ad absurdum führt.