Tatort: Im gelobten Land (2016) von Züli Aladag

Tatort Stuttgart, Folge 976

Der neueste Tatort aus Stuttgart beweist kritischen Verstand und büßt dabei nicht an Unterhaltung ein. Bortz (Felix Klare) und Lannert (Richy Müller) sind eigentlich einem Drogenboß, auf der Spur, als sie vor einem von der Drogenfahndung zu observierenden LKW stehen.

Lannert, der die ganze Zeit über nervös wirkt, hatte wohl eine Vorahnung von dem, was gleich kommen wird. 23 Leichen. Flüchtlinge. Erstickt. Lannert, ist es auch, der sofort losstürmt und sich auf die Suche nach Kostic begibt, während Bortz noch in alten Querelen zwischen den beiden verharrt und eine andere Spur aufnimmt. Beide mit einer traurigen Gewissheit im Rücken: Hätten sie nicht so lange observiert, wären die Einreisenden noch zu retten gewesen. Lannert wird indessen schnell fündig und muss sich nun gegenüber Milan Kostic (Sascha Alexander Gersak) und seiner Schwester Mitra (hervorragend: Edita Malovcic) behaupten, während die ehemals geflohene Afrikanerin Lela (Florence Kasumba), angeschossen von Milan Kotic, zwischen den dreien steht und sich fragt, ob ihre Angehörigen auf der Flucht noch leben. Bortz merkt Lannerts Verschwinden und ist ihm mit dem Zivillisten und Übersetzer Jamal (Orhan Kilic) auf der Spur.

Das nun folgende einnehmende Kammerspiel zwischen den vier Beteiligten um Hauptkommissar Lannert, offenbart diesem einen differenzierteren Blick auf die beiden Schleuser und wirft ihn in leise, unstillbare Konflikte. Selbst geflüchtet, geben beide Geschwister Mitgefühl als treibende Kraft ihrer Aktivitäten an, während Lea, getrieben von ihrer Angst um ihre Angehörigen, nicht weiß, wem sie eigentlich noch vertrauen kann. Sie hat ihrer Heimat nicht nur den Rücken gekehrt, sondern jegliches Vertrauen in Rechtsstaatlichkeit verloren, was das Fundament ihrer Zerrissenheit ist. Auch Bortz, auf der Suche nach seinem Kollegen, kann sich Fragen nach Beruf und Berufung nicht verschließen.

Tatort Stuttgart stellt hier ein aktuelles sozialpolitisches Thema in den Vordergrund und beschäftigt sich zudem mit der Frage, ob Schleuser wirklich so abgebrühte Menschen sind, wie man meinen würde und wie man sie uns medial verkauft. Abseits davon, dass schon die Fragestellung mutig und aktuell gestellt ist, bleibt auch die Umsetzung dessen nicht weit zurück. Was ist Recht und Rechtsstaatlichkeit und was ist Beruf und Berufung innerhalb dieses Systems? Zwischen Kammerspiel und Fahndung werden Fragen aufgeworfen, die es in Zukunft zu beantworten gilt. Völlig frei von Kitsch und Pathos führt uns dieser Tatort vor Augen, dass eben nicht alles schwarz/weiß innerhalb der Flüchtlingsproblematik ist und sein kann. Atmosphärisch kompakt, mit mitreißender Kameraführung und einem herausragenden Richy Müller hebt sich dieser Tatort wohltuend von seinen thematisch ähnlichen Kollegen ab. Es sind die leisen Konflikte, die in unseren Ohren klingeln und diesen Tatort brisant machen.

Regie: Züli Aladag

Drehbuch: Christian Jeltsch

Darsteller: Richy Müller, Felix Klare, Christian Koerner, Edita Malovcic
Orhan Kilic, Sascha Alexander Geršak, Carolina Vera ,Jürgen Hartmann, Florence Kasumba, Babak Sayyar

Musik: Enis Rotthoff

Kamera: Andreas Schäfauer, Christoph Schmitz