Room (2015) von Lenny Abrahamson

—Spoiler ahead—

Wenn der kleine Jack (Jacob Tremblay) morgens seine Augen aufschlägt, blickt er neugierig umher, als sehe er zum ersten Mal seine Umgebung außerhalb des alten Bettes, auf dem er liegt. Durch Raum gehend, begrüßt er die Einrichtungsgegenstände und schnell wird dem Zuschauenden klar, dass die Verhältnisse in denen Jack lebt, alles andere als ideal sind. Außer dem Bett, gibt es noch eine Küchenzeile, ein winziges Waschbecken, eine alte Badewanne sowie einen Schrank. Aufgeregt über den bevorstehenden Tag, weckt Jack seine Mutter Joy „Ma“ Newsome (Brie Larson), denn er wird an diesem Tag fünf Jahre alt…

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45 Years (2015) von Andrew Haigh

45 Years betitelt den Stand der glücklichen Ehe von Kate Mercer (Charlotte Rampling; Oscar-Nominierung und silberner Bär) und ihrem Ehemann Geoff (Tom Courtenay; silberner Bär). Für die Feier zu Ehren dieses Tages laufen Vorbereitungen in alle Richtungen. Freunde helfen und prophezeien viele Tränen, der Festsaal wird ausgesucht und es verspricht ein netter und schöner Abend zu werden, als Geoff plötzlich einen Brief erhält. In diesem erfährt er, dass die Leiche seiner damaligen Freundin Katya aufgefunden wurde, die durch einen Sturz in den Bergen ums Leben gekommen ist. Vor 50 Jahren waren Geoff und sie mit einem Freund auf einer Wanderung, als sie unvermittelt in eine Felsspalte stürzte. Als er diesen Brief in den Händen hält und später überlegt, in die Schweiz zu fahren, geht ein einschneidender Ruck durch die Ehe der beiden.

Andrew Haigh („Weekend“) adaptierte für das Drehbuch eine Kurzgeschichte  von David Constantine. Der Hauptfokus liegt auf Geoff und Kate und deren Umgang mit der Erinnerung an Katya (namentlich ähnlich angelegt) sowie den daraus emporsteigenden Emotionen. Ganz leise und sacht entfaltet sich das Miteinander der beiden Partner, die routiniert und herzlich miteinander wirken. Sätze, die nicht richtig ausgesprochen werden müssen, weil der andere weiß, was man denkt oder sagen möchte, gemeinsame Erinnerungen, die sich in der Zeit erst zu einer gemeinsamen geformt haben sowie die selbstverständlichen Berührungen bei den alltäglichen Verrichtungen sind Anzeichen für diese Herzlichkeit. Dabei lebt dieses Zusammenspiel von der Virtuosität der beiden Hauptdarsteller, denen man zu jedem Zeitpunkt ihre jahrelange Intimität abnimmt. Eine Intimität und Verbundenheit, die scheinbar schon viel Tiefen überwunden hat und daran gewachsen ist. Charlotte Rampling spielt diese Rolle nicht einfach nur, sie lebt sie, reduktionistisch, auf den Punkt und jeden Grundton bestimmend. So vermögen es auch nur die leisen Zwischentöne, am Gerüst dieser starken Verbundenheit zu rütteln und sie auf die Probe zu stellen. 45 Years ist dabei einer dieser wenigen Filme, in denen man ab und an das Gefühl hat, man stört als Zuschauer, denn das Leiden Kates durchdringt einfach alles und auch die immer stärker werdende Abwesenheit Geoffs ist zu jeder Zeit spürbar.

Als Kate etwas mehr über die Vergangenheit ihres Mannes herausfindet, bröckelt ihre Ehe. Auf dem Dachboden sitzend kann man ihr in einer Abfolge von Dia-Bildern die Zerrüttung ansehen, die sie nach außen hin zu verbergen versucht. Dieser Versuch, sich davon nichts anmerken zu lassen, zwingt auch beide in eine verfahrene Situation hinein, die zum Ende hin bis zum Bersten gespannt ist. Beide hören auf, miteinander zu reden. Kate sagt dann auch sinngemäß an einer Stelle, dass sie sich noch nicht kannten, aber in dem Jahr des Unfalls, beide mit einem Verlust umgehen mussten (ihre Mutter starb auch in diesem Jahr). Sie befindet es daraufhin als sonderbar, dass sie erst jetzt darüber sprechen würden, da es für beide ein besonderes Jahr war. Es ist letztlich ihr verzweifelter Versuch, an etwas anzuknüpfen, an das man nicht anknüpfen kann und eine Verbindung zu schaffen, wo keine sein kann.

„Wenn wir älter werden, hören wir auf, Entscheidungen zu treffen. Darum sind die, die wir treffen, wenn wir jung sind, so verdammt wichtig.“

Es ist etwas, dass wir alle kennen, wenn wir neue Beziehungen mit Menschen eingehen und versuchen, unsere Vergangenheiten und Gefühle mit einzubringen. Der jeweils andere wird immer wissen, dass es andere vor ihm gegeben hat. Es wird immer die große erste Liebe geben, die der andere nicht ist. Geoff allerdings, hat diese Vergangenheit in der Felsspalte neben Katya begraben und nun holt die Erinnerung an diese Liebe nicht nur ihn, sondern auch sein Leben ein. Die Erinnerung an eine Liebe, gegen die man nicht kämpfen und schon gar nicht ankommen kann. In der Rede Geoffs auf ihrer Hochzeitsfeier kann man nur raten, wem seine Tränen letztlich galten. Kates Ausdruck am Ende lässt daran wenig Zweifel, denn er vereint die Bitterkeit aller enttäuschten Lieben, die an diesem Kampf scheitern mussten.

45 Years ist ein zutiefst ruhiger und besonnener Film, der aber im Inneren für starke Unruhe zu sorgen vermag.

Regie: Andrew Haigh

Drehbuch: Andrew Haigh

Darsteller: Charlotte Rampling, Tom Cortenay, Dolly Wells, Geraldine James, Richard Cunningham, David Sibley

Beitragsbild: © Piffl Medien GmbH

Spotlight (2015) von Tom McCarthy

Der Zeitschrift Boston Globe ist eine eigene investigative Abteilung zu eigen, welche über längere Zeiträume über vermeintlich brisante Themen recherchiert und in der Folge ihre Leserschaft über diese Themen aufklärt – hier namentlich mit Spotlight betitelt. Zeitung und Spotlight-Team, bestehend aus Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams), Michael Rezendes (Mark Ruffalo), Steve Kurkjian (Gene Amoroso), Matt Carroll (Brian d’Arcy James) und Eileen McNamara (Maureen Keiller) bekommen einen neuen Editor – Marty Baron (Liev Schreiber). Baron liest in einer Kolumne über die Vertuschung eines Missbrauchs-Skandals durch den Kardinal Law, dem Erzbischof von Boston, und macht sie zum Hauptanliegen von Spotlight, welche die Spur vorerst bis zu 13 Priestern verfolgt.

Die Geistlichen wurden nach dem Vorwurf des Missbrauchs vom Kardinal unter falschen Angaben in andere Positionen versetzt. Auf deren Spur kommt die Arbeitsgruppe nicht zuletzt durch die Hilfe von Anwalt Mitchell Garabedian (Stanley Tucci) und dem Leiter einer Opfer-Rechts-Organisation (Neal Huff). Vorerst skeptisch ob der Bedeutungsschwere der Story, kommen dem Team um Chef Walter Robinson (Michael Keaton) immer neue Hinweise unter, die sich zu einem globalen Skandal ausweiten sollen, und an dessen Ende nicht nur über 6.000 Priester angeklagt sind, sondern das gesamte System Kirche schwanken wird.

Tom McCarthy verfolgt die Untersuchung dieses brisanten Materials im Film nüchtern und sachlich. Die Protagonisten können sich innerhalb dieser Ausrichtung voll entfalten und dieser auf Tatsachen beruhenden Geschichte geschlossen entgegentreten. Obwohl Mark Ruffalo in der Figur des Michael Rezendes hier hervorgehoben werden sollte, erhebt McCarthy angenehmerweise keinen seiner Figuren zu Helden, sondern zeigt mühselige und akribische Pressearbeit, die nie langsam oder schwerfällig daherkommt. Jeden ihrer Schritte, sei es im Auf- oder Nachspüren, verfolgt man mit gestocktem Atem, Betroffenheit oder Fassungslosigkeit. Darstellungen einzelner Opfer berühren hier mit Feingefühl und Aufrichtigkeit, und nicht mit betroffenheitssignaliserenden Missbrauchsszenarien. Die perfide Maschinerie der Umgarnung durch Geistliche wird in den Gesprächen mit den Missbrauchsopfern schonungslos offengelegt und weiß mit zu verachtender Selbstverständlichkeit zu beeindrucken.

Dabei wird der Fokus im Film vor allem auch auf institutionelle Nachlässigkeiten gelegt. Die große Wahrheit kennt hier niemand, aber alle halten sie die Anzeichen dafür in der Hand und müssten nur genauer hinsehen. Die Institution Kirche hat somit häufig nur kleine Gegenspieler, welche selbst nicht viel ausrichten können, und weiß diese Macht zu nutzen. Aber auch hier wird man keine stilistische Erhöhung des Zeigefingers finden, im Gegenteil. Der Zuschauer ist selbst gefragt.

„ If it takes a village to raise a child, it takes a village to abuse them.”

Es ist diese Art von Inszenierung, die Spotlight mehr als nur sehenswürdig macht. Als Abbild von Realität kann ein Film immer nur eine Wiederholung einer Wahrheit sein, sofern diese dem Film unterliegt. Spotlight lässt diese Wahrheit nicht nur weitestgehend für sich sprechen, sondern atmet förmlich durch sie. Überbläht wirkt nur die Macht der Kirche, deren Gegenstück diese Macht missen lässt. Als 4. Gewalt tritt hier die Presse in den Vordergrund, welche die einzelnen Puzzle-Teile für sich zu nutzen weiß. Nur der Wahrheit und dem Leser verpflichtet schafft sie das, was andere nicht können. Sie wird hier zum eigentlichen Helden und erinnert an die Ära der Printmedien, die heute immer mehr der Vernetzung und Schnelllebigkeit zum Opfer fallen, welche sie einst selbst für sich beansprucht haben. Im Vatikan sowie der absteigenden Rangordnung wird man wohl wieder die Köpfe einziehen müssen, auf dass der neuerliche Sturm schnell vorüberziehen möge.

Spotlight ist vor allem ein Plädoyer für Pressearbeit, aber auch für unabhängige Untersuchungen vom weitestgehend frei agierenden System Kirche, welches Millionen von Menschen beeinflusst und prägt. Glaube sollte keine Auseinandersetzung und Kritik ersetzen, sondern innerhalb dessen wachsen und blühen, denn es ist der fehlbare Mensch, der ihn in die Welt trägt.

Regie: Tom McCarthy

Drehbuch: Tom McCarthy, Josh Singer

Darsteller: Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber, John Slattery, Brian d’Arcy James, Stanley Tucci, Elena Wohl, Gene Amoroso, Dough Murray, Sharon McFarlane, Jamey Sheridan, Neal Huff,  Billy Crudup, Robert B. Kennedy

The Big Short (2015) von Adam McKay

Der Leiter der „Scion Capital LCC Hedge Funds“ Michael Burry (gespielt von einem großartigen Christian Bale) verwaltet zuverlässig das Kapital seiner Kunden. Er soll der erste sein, der von der Immobilienblase Wind bekommt und handelt. Belächelt von den Banken und seinen Kollegen, hält er in stoischer Ruhe an seiner Meinung fest, dass der Imobilienmarkt und die gesamte Weltwirtschaft zusammenbrechen. In Burrys Büro hören wir eine donnernde Andeutung, von dem was da auf uns zugerollt kommt: Krachender Heavy Metal begleitet von Burrys leisen Drumsticks. Sie sollen im Laufe des Films lauter werden, wie auch der Rest.

Jared Vennett (Ryan Gosling) geleitet uns dabei durch den Film und dient als roter Faden. Steve Carell, der den Hedgefond-Manager Mark Baum verkörpert, unterstreicht die Abhängigkeit von diesem System und lässt uns an seiner Entwicklung innerhalb dieses Systems teilhaben. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Einer, der sich abgefunden hat und einer, der sich noch abfinden muss. Mittendrin noch zwei Garagen-Nerds, die ebenfalls ihre Chance sehen und die Unschuld von aufstrebenden Genies verkörpern. Ben Hockett (Brad Pitt), der schon raus ist aus dem Geschäft, aber doch nicht loslassen kann und als mahnender Zeigefinger dient, rundet das Ensemble aus seinem Ökoparadies heraus ab.

Ein aufklärender Film, der nie erklärend wirkt, aber dafür dokumentarisch, gleichsam reißerisch, aber nie aufdringlich erscheint. So oder so ähnlich müsste man „The Big Short“ zusammenfassen. Dass Charles Randolph und Adam McKay es nicht nur schaffen, die angeblich sperrige Vorlage in ein ergreifendes Drehbuch zu verwandeln, sondern die Erklärung der Weltwirtschaft im Ganzen und der amerikanischen im Speziellen sogar zu einer Art Manier erheben, bringt den beiden vielleicht auch den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch ein.

Diese Erklärungen werden ironisch und teils herablassend direkt an den Zuschauer gerichtet, denn sie werden von Stars und Sternchen und Köchen vorgetragen, also jenen, die unsere Interessen widerspiegeln sollen. Popstars, nackte Blondinen und Kochsendungen. Dabei sind die Erklärungen nicht nur sachdienlich, sondern bringen einen auch aus dem sich abzeichnenden Abwärtsstrudel der Wirtschaftsszenerie raus. Der Strudel selbst wird mit eben solchen Bildern unterfüttert. Bilder, die sich im Laufe des Films anpassen und Ansichtskarten unserer Bedeutungs- und Ahnungslosigkeit darstellen. Die Wackelkamera unterstreicht das Chaos indem sich keiner mehr zurechtfindet. Dabei bekommt der Zuschauer auch nur die Informationen, die er benötigt um weiter mitzukommen. Es ist letztlich somit die menschliche Gier die hier zurückgespiegelt wird, denn auch in der Finanzwelt kann der normale Mensch nur noch mitlaufen, weil er gar nicht mehr versteht, wovon dort eigentlich gesprochen wird, Vertrauen vorausgesetzt. Bezeichnend ist hier das Krokodil im Swimmingpool.

Der Zuschauer sitzt mit Fassungslosigkeit und blankem Entsetzen vor der Wahrheit, die der Film rausbrüllt. Mit fast diebischer Freude erwartet man den gerechtfertigten Untergang, weil alle sich rigoros davor verschließen und an ihren Betrügereien festhalten. Wäre da nicht der mahnende Zeigefinger Bens, der uns brutal an die Wirklichkeit erinnert. Obdachlosigkeit, Armut und dieses für lange Zeit gebrochene Vertrauen. Fakten, die am Ende noch mal mehr als deutlich werden und die bis heute nichts verändert haben. Es gibt in dieser ganzen Geschichte letztlich nur eine Person, die wirklich den Durchblick hat und auch behält, und das ist Michael Burry.

Michael Burry hat mutmaßlich das Asperger Syndrom, ist eigenbrötlerisch, fremden Menschen gegenüber nicht emotional zugewandt und scheint auch Schwierigkeiten zu haben, generell mit menschlichen Signalen umzugehen, die nicht in Codes verpackt sind (wie z.B. Sprache). Kontakt mit seinen Kunden hält er beispielsweise ausschließlich per Mail. Auch Zahlen sind codierte Signale. Es ist deshalb bezeichnend, dass nur er es ist, der dieses System aus Zahlen versteht und auch entlarvt. Dieser Film ist unter anderem auch eine hervorragende Grundlage für die Debatte, ob psychische Einschränkungen wirklich als solche gesehen werden sollten oder nur die Umwelt nur nicht mit ihnen umzugehen weiß bzw. die Vorteile dieser Persönlichkeiten nicht einzusetzen/ zu schätzen weiß.

Ex Machina (2015) von Alex Garland

Der Turing-Test soll künstliche Intelligenz auf ihre Menschlichkeit bzw. Gleichwertigkeit zum Menschen hin überprüfen. Ursprünglich ist ein Mensch als Vergleichsobjekt und ein Beobachter vorgesehen. Ex Machina treibt diese Konstellation auf die Spitze und auch wir dürfen Beobachter spielen. In einer ausnehmend komplexen Atmosphäre entfaltet sich ein Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Die Versuchsräume sind dabei künstlich, steril und abgeschottet von jedem Leben.

In der Nahrungskette ganz oben angekommen und nur noch sich selbst gegenüber rechtfertigend steht der Mensch. Behaupten kann er sich nur noch gegen sich selbst. Er ist mit sich allein. Er treibt Sport mittels künstlicher Objekte, aber nur solange er auch sie bezwingen kann, er entwickelt sich weiter und weiter und strebt Vollkommenheit an. Er kommuniziert und lebt durch anorganische Bindungen und füllt diese mit Leben. So entsteht auch die Künstliche Intelligenz in Form von Ava aus dieser künstlichen Welt. Und es ist Ava, eine Maschine, die uns zeigt, was es bedeutet menschlich zu sein, zu jeder Zeit, in ihrem ganzen Sein.

„One day the AIs are going to look back on us the same way we look at fossil skeletons on the plains of Africa. An upright ape living in dust with crude language and tools, all set for extinction.“

Ex Machina ist sicherlich nicht die erste Instanz, die diese und andere Fragen aufwirft, aber es ist eine der beachtenswertesten. Leicht wie eine Feder schweben Fragen über unsere Existenz, der Existenz von KI, selbst Fragen zur Gender-Debatte über unseren Köpfen. Was wäre, wenn unser Schaffen lebendig werden würde? Was wäre, wenn dieses Ergebnis lebendiger als wir selbst ist, uns überlegen ist? Haben wir diesen Zustand nicht schon längst erreicht? Und das sind bei Weitem nicht alle. Dabei verfällt Alex Garland angenehmerweise nie in Erklärungen. Er regt zur Diskussion an, die aber über die üblichen Fragen hinausgeht. Ex Machina besticht auf allen Ebenen und lässt einen nicht mehr los.

 

 

Wenn du wüsstest, wie schön es hier ist (2015) von Andreas Prochaska

Wenn du wüsstest, wie schön es hier ist. Wenn die Kamera sich in das Tal von Hüttenberg absenkt, dann betritt man eine ganz eigene Welt.

„Still ruht der See, die Vöglein schlafen,
ein Flüstern und du hörst es kaum.
Der Abend naht, nun senkt sich nieder
auf die Natur ein süßer Traum,
auf die Natur ein süßer Traum.“

Wie in einer Ausstellung arrangiert Prochaska seine Protagonisten, die mal mehr, mal weniger charmant sind. Allen voran Muck, der naive, dösige aber irgendwo auch drollige Postenkommandant und der arrogante, sich selbst zitierende Chefinspektor. Aus Teilen der Erinnerung eines ganzen Dorfes formt sich die Zeit vor dem Mord, während die Reiftanz-Melodie uns betörend umfängt und glauben lässt, es sei alles in Ordnung. Jeder hat seinen Platz im Dorf, jeder seine Erinnerung, jeder sein Geheimnis. Fremde und Unruhestifter sind unerwünscht.

Subtil werden wir von der Wahrheit fern- und auch hingehalten, wie auch Muck, der sich seinen Freunden gegenüber verpflichtet fühlt, diese Verpflichtung aber im Konflikt mit der Aufklärung des Falles steht. Der Zuschauer, hin- und hergerissen zwischen Belächeln und Beklagen, weiß auch nicht so recht, wo er da hineingeraten ist, wenn er den Postenkommandant mit einem Lächeln auf dem Lippen fragen hört, ob ein potenzieller Mörder Streit mit dem Opfer gehabt hätte und ihm daraufhin sanft die Schulter tätschelt. Da braucht es den Chefinspektor, der die Verachtung wie ein Aushängeschild vor sich her trägt. Respektlos pflügt er sich durchs ganze Dorf und mischt alle auf. Keiner ist mehr sicher, was auch Muck in soziale Konflikte stürzt.

Hin- und hergerissen zwischen Dienstverpflichtung, Mondholzbesitzern und Wirtshausstammtisch, muss Muck sich schlussendlich zwischen beidem entscheiden. Die aufkommende Autonomie Mucks, kann sich nun aus der Erinnerung des Dorfes befreien und anfangen zu ermitteln, denn wer die Wahrheit sucht, der muss auch die Lüge sehen. So bringt er nicht nur sich selbst die Balance, sondern auch allen anderen. Die Befreiung des Mörders ist hier auch die Befreiung einer Figur aus einer ihr zugeschriebenen Rolle. Rollen, die auch den Verdächtigen zukamen und ihnen mehr oder weniger zum Verhängnis wurden.

„Es ist immer besser den schwierigeren Weg zu gehen, weil der leichte führt immer im Kreis.“ (Vater Muck).

Erscheinungsjahr: 2015

Regisseur: Andreas Prochaska 

Drehbuch: Stefan Hafner, Thomas Weingartner

Schauspieler: Magdalena Kropiunig, Gerhard Liebmann, Simon Hatzl, Ines Honsel, Branko Samarovski, Arthur Klemt, Fritz Egger, Susanne Kubelka, Heinrich Baumgartner

Bildquelle: © Graf Film