Media Monday #267

Wie jeden Sonntag gehören die Fragen Wulf vom Medienjournal mit der 267. Ausgabe.

1.Gewisse Songs, wie letztens von der singenden Lehrerin abgefragt, werde ich wohl immer mit besonderen Situationen in meiner Jugend verbinden, denn sie scheinen sich hartnäckig eingebrannt zu haben.

Gerade im Radio gehört:

2. Sommer- und/oder Urlaubslektüre benötigt grundsätzlich Vorlauf. Man muss Hörbücher in Mp3 umformatieren, Bücher sondieren, einkaufen und wieder aussortieren. Wenn man dies getan hat, wird man sich bewusst, dass es nur zwei Wochen Urlaub sind und denkt die Hälfte wieder zurück. Dann stellt man fest, dass der Koffer zu schwer ist oder gar nicht erst zugeht und packt wieder aus. Im Urlaub angekommen, sortiert man alles fein säuberlich nach Relevanz. Sind die zwei Wochen um, hat man genau ein Buch angefangen zu lesen und ein Hörbuch gestartet. Aber Hauptsache, man hat es dabei gehabt!

3. Bei schönem Wetter fällt es mir ja wahnsinnig schwer arbeiten zu gehen oder hier an meinem PC zu sitzen und meine eigentliche Arbeit zu schreiben. Ich kann mich bei diesem Wetter auch einfach schwer konzentrieren. Genau deshalb wohne ich im Norden, da besteht die Gefahr nicht.

4. Studieren hätte ich mir echt ganz anders vorgestellt, schließlich soll Lernen ja auch etwas Spaß machen. Danach ist man zumindest um das schlauer. 

5. Momentan bin ich ja von meiner neuen, heute startenden Reihe ziemlich angefixt, denn das gesetzte Zeitfenster ist sehr knapp und ich bin mit hektisch aufgeregtem Spaß dabei.

6. Drama, Baby, Drama ist ja so ein Genre, von dem ich nie genug kriegen kann, immerhin ist es das Genre, das noch die großen und die kleinen Fragen stellt und zum Nachdenken anregt.

7. Zuletzt habe ich Low Carb Pizza gemacht und das war im weitesten Sinne interessant, weil ich es tatsächlich auch essen musste. Freunde der gepflegten und gesunden Ernährung: Das ist ja alles gut und schön mit Weizen-, Gluten- und laktosefrei, aber seriously!!! Wer soll das essen?

Eine schönen Wochenstart ihr Lieben!

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Die 5 BESTEN am DONNERSTAG #4

5 Filme, die ich gerne auf großer Leinwand gesehen hätte, erfragt von Gorana aus der Ergothek, die jeden Donnerstag die 5 BESTEN erhebt. Leider konnte ich die ersten Anläufe der 5 Besten nicht vollenden; solltet ihr dies also lesen können, hat es heute mal geklappt (ansonsten hebe ich den Einleitungstext einfach wieder bis nächste Woche auf…).

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Tatort: Fünf Minuten Himmel von Katrin Gebbe

Event-Tatort Freiburg, Folge 981

Wenn die ARD ankündigt, dass es noch nicht feststeht, ob der Tatort in dieser Konstellation fortgesetzt wird (womöglich in einer anderen Stadt), muss dieser, Murphy’s Law gemäß, sehenswert sein.

Wir befinden uns in Freiburg und blicken auf die schwangere Hauptkommissarin Ellen Berlinger (Heike Makatsch), die ihren Einstand im Freiburger Kommissariat gibt. Kommissariatsleiter Volker Gaus (Holger Kunkel) und Kommissar Hendrik Koch (Max Thommes) empfangen sie badisch. Der Einstand bezieht sich auf den Todesfall Holger Kunath (Michael Moritz), der als Sachbearbeiter im Job-Center nicht nur seinem Job nachgeht. Familie Mai ist auf Kunath angewiesen gewesen, da dieser dafür verantwortlich war, pünktlich die Mietschuld für die Sozialwohnung auszugleichen, was in rechtlicher Konsequenz in einen drohenden Rauswurf mündet. Cornelia (Julika Jenkins) und ihre Tochter Melinda Mai (Rosemarie Röse), die noch den Verlust des Ehemann und Vater betrauern, müssen nun Angst um ihre Bleibe haben, während ihr Nachbar Herr Kunani (Grandios: André Benndorff) mit Aaalen in der Badewanne, bereits die bevorstehende Apokalypse ankündigt. Investor Rüdiger Fest hingegen freut es, da er mit dem Grundstück schon andere Pläne hat. Abseits der Immobilien-Rangelei lässt sich Melinda mit dem Sohn Titus Kunath (Oskar Bökelmann) des Toten ein und zieht sich damit den Zorn seiner Freundin Harriett (Anna-Lena Klenke) zu. Dies wird erst richtig komplex, als Fronten innerhalb der Clique gewechselt werden und der soziale Brennpunkt seinen Abdruck zeigt. Hauptkommissarin Ellen Berlinger trifft nach fünfzehn, in London verbrachten, Jahren wieder auf ihre Mutter Edelgard Berlinger (Angela Winkler), die alles andere als erfreut über die Rückkehr ist. So kämpft in diesem Tatort jeder mit alten Bindungen, die mit voller Härte zuzuschlagen wissen.

Puh, was für Verstrickungen. Solch komplexe Handlungsstränge hat man nicht oft am Sonntagabend. Dieser Tatort folgt zwar einfach dem Verlauf der Ermittlungen, weiß dabei aber eine Geschichte zu erzählen (Skript: Thomas Wendrich), die hängen bleiben dürfte. So bleiben doch einige offene Fragen nach Schluss, die es noch zu beantworten gälte. Regisseurin Katrin Gebbe setzt dabei auf voll auf ihre Schauspieler und weiß diese gut in Szene zu setzen. Heike Makatsch spielt einfach geraderaus und findet eine schöne Balance zwischen beruflichem Durchsetzungsvermögen und ihrer familiären Geschichte. Der Hintergrund dieser Geschichte hat Spuren hinterlassen, und nichts an Wirkung eingebüßt. Die badische Mundart, die ihr aus dem Kommissariat entgegenkommt, lässt sie nur noch fremder und abseitiger wirken, was ihrer Rolle. Über die Kommissarin und ihre Kollegen erfährt man nicht viel, dafür umso mehr über Beteiligten am Mordfall.

Der ein wenig breit angelegte rotzige Jugendsprech hätte an mancher Stelle etwas kürzer treten können, aber alles in allem verkörpern die Schauspieler, vor allem Anna-Lena Klenke und Rosemarie Röse, ihre Rollen emotional nachvollziehbar, was dazu führt, dass die Jugendlichen weitestgehend die vorherrschenden Umstände aufzeigen, atmosphärisch stimmungsvoll und bedrückend. Trauer und Kompromisslosigkeit herrschen in dem Viertel der Jugendlichen, aber auch von außen kommt nicht viel Gutes, sodass Türen nicht nur sinnbildlich verschlossen bleiben.

Freiburg in seiner hässlichsten Seite beeindruckt mit fast schon nebensächlicher Armut und Hinterhofstimmung. Die Dramatik der vergessenen Sozialhilfeempfänger verdichtet sich durch die Zeit, die hier für jeden anders ticken müsste. So braucht es bei einem ein Jahr der Ohnmacht, bei dem anderen fünfzehn, bei wieder einem anderen eine gänzlich andere Definition. Ämter und Behörden kennen diesen Stillstand nicht und geben für schlechter Eingestimmte kompromisslos eine Abwärtsspirale vor. Die Folgen davon kann man eindringlich hinter den Fassaden Freiburgs sehen: Bio-Kiffen für fünf Minuten Himmel.

Regie: Katrin Gebbe
Drehbuch: Thomas Wendrich
Darsteller: Heike Makatsch, Angela Winkler, Emilia Bernsdorf, Max Thommes, Holger Kunkel, Christian Kuchenbuch, Julika Jenkins, Rosemarie Röse, Pierre Siegenthaler, Jörg Pose, Jochanah Mahnke, Tabea Hug, Michael Moritz, Oskar Bökelmann, Anna-Lena Klenke, Michaela Caspar, André Benndorff

Tatort: Kartenhaus (2016) von Sebastian Ko

Tatort Köln, Folge 977

„Like the sand can seep right through your fingers so can all your days

As those days go by you’ll have me there to help you find the way.

The way I feel with you I know it’s got to last forever.

And when the rain begins to fall

you’ll ride my rainbow in the sky

And I will catch you if you fall

you’ll never have to ask me why.

And when the rain begins to fall I’ll be the sunshine in your life

You know that we can have it all and everything will be all right.”

Kartenhaus heißt der treffende Titel des heutigen Tatorts.

Die, kurz vor ihrem 18. Geburtstag stehende Laura Hartmann (Ruby O. Fee) baut sich selbiges, wenn sie in ihrem Zimmer tanzenderweise ihren Träumen nachhängt. Nebenan sticht ihr vorbestrafter Freund Adrian Tarrach (Rick Okon) schonungslos auf ihren Stiefvater ein. Ihre Mutter schwelgt zur gleichen Zeit in Madame Butterfly und wartet auf selbigen. Während das Pärchen schnell verschwindet, findet Fr. Hartmann ihren toten Mann auf dem Küchenfußboden. Laura selbst hat von alledem nichts mitbekommen und denkt, dass Adrian und sie verreisen werden. Die daraufhin anrückenden Hauptkommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) werden nicht lange brauchen, um den Täter zu ermitteln. Schnell sind sie dem Pärchen auf der Spur.

„Sie lügt – er träumt.“ „Gefährliche Mischung.“

Dieser Tatort lebt durch die zwei flüchtigen jungen Menschen und schnell eröffnet sich dem Zuschauer die zugrunde liegende Dynamik der beiden. Pseudologia phantastica trifft auf verklärte Liebe.

Mit einer großen Portion Leidenschaft im Rücken steht der Roadmovie-Romantik hier nichts mehr im Weg und wird von den zwei Beteiligten beherzt umgesetzt. Mit schönen bildhaften Übergangen und einem annehmbaren Tempo reift diese Jagd zu einem Abgesang auf die üblichen Fesseln jugendlicher Liebe, die sich nur noch über Technik definiert. Freiheit, Liebe und Sex entgegen aller Widerstände. Rhythmisch durch die Plattenbauten ziehend, dürfen wir auf ein Ende hin mitfiebern, das unweigerlich einen konsequenten Abschluss finden muss. In diesem Tatort ist das gleichsam schön, wie schade. Wunderbar!

“Here I go out to sea again

The sunshine fills my hair

And dreams hang in the air

Gulls in the sky and in my blue eyes

You know it feels unfair

There’s magic everywhere

Look at me standing

Here on my own again

Up straight in the sunshine

No need to run and hide

It’s a wonderful, wonderful life

No need to laugh and cry

It’s a wonderful, wonderful life”

Regie: Sebastian Ko

Drehbuch: Jürgen Werner

Darsteller: Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Patrick Abozen, Bettina Stucky, Sami Asfour, Joe Bausch, Julika Jenkins, Thomas Bastkowski, Ruby O. Fee,  Aleksandru Cirneala, Rick Okon, Janos Tiborcz, Rainer Galke, Marie Bendig, Juri Rother

Spotlight (2015) von Tom McCarthy

Der Zeitschrift Boston Globe ist eine eigene investigative Abteilung zu eigen, welche über längere Zeiträume über vermeintlich brisante Themen recherchiert und in der Folge ihre Leserschaft über diese Themen aufklärt – hier namentlich mit Spotlight betitelt. Zeitung und Spotlight-Team, bestehend aus Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams), Michael Rezendes (Mark Ruffalo), Steve Kurkjian (Gene Amoroso), Matt Carroll (Brian d’Arcy James) und Eileen McNamara (Maureen Keiller) bekommen einen neuen Editor – Marty Baron (Liev Schreiber). Baron liest in einer Kolumne über die Vertuschung eines Missbrauchs-Skandals durch den Kardinal Law, dem Erzbischof von Boston, und macht sie zum Hauptanliegen von Spotlight, welche die Spur vorerst bis zu 13 Priestern verfolgt.

Die Geistlichen wurden nach dem Vorwurf des Missbrauchs vom Kardinal unter falschen Angaben in andere Positionen versetzt. Auf deren Spur kommt die Arbeitsgruppe nicht zuletzt durch die Hilfe von Anwalt Mitchell Garabedian (Stanley Tucci) und dem Leiter einer Opfer-Rechts-Organisation (Neal Huff). Vorerst skeptisch ob der Bedeutungsschwere der Story, kommen dem Team um Chef Walter Robinson (Michael Keaton) immer neue Hinweise unter, die sich zu einem globalen Skandal ausweiten sollen, und an dessen Ende nicht nur über 6.000 Priester angeklagt sind, sondern das gesamte System Kirche schwanken wird.

Tom McCarthy verfolgt die Untersuchung dieses brisanten Materials im Film nüchtern und sachlich. Die Protagonisten können sich innerhalb dieser Ausrichtung voll entfalten und dieser auf Tatsachen beruhenden Geschichte geschlossen entgegentreten. Obwohl Mark Ruffalo in der Figur des Michael Rezendes hier hervorgehoben werden sollte, erhebt McCarthy angenehmerweise keinen seiner Figuren zu Helden, sondern zeigt mühselige und akribische Pressearbeit, die nie langsam oder schwerfällig daherkommt. Jeden ihrer Schritte, sei es im Auf- oder Nachspüren, verfolgt man mit gestocktem Atem, Betroffenheit oder Fassungslosigkeit. Darstellungen einzelner Opfer berühren hier mit Feingefühl und Aufrichtigkeit, und nicht mit betroffenheitssignaliserenden Missbrauchsszenarien. Die perfide Maschinerie der Umgarnung durch Geistliche wird in den Gesprächen mit den Missbrauchsopfern schonungslos offengelegt und weiß mit zu verachtender Selbstverständlichkeit zu beeindrucken.

Dabei wird der Fokus im Film vor allem auch auf institutionelle Nachlässigkeiten gelegt. Die große Wahrheit kennt hier niemand, aber alle halten sie die Anzeichen dafür in der Hand und müssten nur genauer hinsehen. Die Institution Kirche hat somit häufig nur kleine Gegenspieler, welche selbst nicht viel ausrichten können, und weiß diese Macht zu nutzen. Aber auch hier wird man keine stilistische Erhöhung des Zeigefingers finden, im Gegenteil. Der Zuschauer ist selbst gefragt.

„ If it takes a village to raise a child, it takes a village to abuse them.”

Es ist diese Art von Inszenierung, die Spotlight mehr als nur sehenswürdig macht. Als Abbild von Realität kann ein Film immer nur eine Wiederholung einer Wahrheit sein, sofern diese dem Film unterliegt. Spotlight lässt diese Wahrheit nicht nur weitestgehend für sich sprechen, sondern atmet förmlich durch sie. Überbläht wirkt nur die Macht der Kirche, deren Gegenstück diese Macht missen lässt. Als 4. Gewalt tritt hier die Presse in den Vordergrund, welche die einzelnen Puzzle-Teile für sich zu nutzen weiß. Nur der Wahrheit und dem Leser verpflichtet schafft sie das, was andere nicht können. Sie wird hier zum eigentlichen Helden und erinnert an die Ära der Printmedien, die heute immer mehr der Vernetzung und Schnelllebigkeit zum Opfer fallen, welche sie einst selbst für sich beansprucht haben. Im Vatikan sowie der absteigenden Rangordnung wird man wohl wieder die Köpfe einziehen müssen, auf dass der neuerliche Sturm schnell vorüberziehen möge.

Spotlight ist vor allem ein Plädoyer für Pressearbeit, aber auch für unabhängige Untersuchungen vom weitestgehend frei agierenden System Kirche, welches Millionen von Menschen beeinflusst und prägt. Glaube sollte keine Auseinandersetzung und Kritik ersetzen, sondern innerhalb dessen wachsen und blühen, denn es ist der fehlbare Mensch, der ihn in die Welt trägt.

Regie: Tom McCarthy

Drehbuch: Tom McCarthy, Josh Singer

Darsteller: Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber, John Slattery, Brian d’Arcy James, Stanley Tucci, Elena Wohl, Gene Amoroso, Dough Murray, Sharon McFarlane, Jamey Sheridan, Neal Huff,  Billy Crudup, Robert B. Kennedy

Tatort: Im gelobten Land (2016) von Züli Aladag

Tatort Stuttgart, Folge 976

Der neueste Tatort aus Stuttgart beweist kritischen Verstand und büßt dabei nicht an Unterhaltung ein. Bortz (Felix Klare) und Lannert (Richy Müller) sind eigentlich einem Drogenboß, auf der Spur, als sie vor einem von der Drogenfahndung zu observierenden LKW stehen.

Lannert, der die ganze Zeit über nervös wirkt, hatte wohl eine Vorahnung von dem, was gleich kommen wird. 23 Leichen. Flüchtlinge. Erstickt. Lannert, ist es auch, der sofort losstürmt und sich auf die Suche nach Kostic begibt, während Bortz noch in alten Querelen zwischen den beiden verharrt und eine andere Spur aufnimmt. Beide mit einer traurigen Gewissheit im Rücken: Hätten sie nicht so lange observiert, wären die Einreisenden noch zu retten gewesen. Lannert wird indessen schnell fündig und muss sich nun gegenüber Milan Kostic (Sascha Alexander Gersak) und seiner Schwester Mitra (hervorragend: Edita Malovcic) behaupten, während die ehemals geflohene Afrikanerin Lela (Florence Kasumba), angeschossen von Milan Kotic, zwischen den dreien steht und sich fragt, ob ihre Angehörigen auf der Flucht noch leben. Bortz merkt Lannerts Verschwinden und ist ihm mit dem Zivillisten und Übersetzer Jamal (Orhan Kilic) auf der Spur.

Das nun folgende einnehmende Kammerspiel zwischen den vier Beteiligten um Hauptkommissar Lannert, offenbart diesem einen differenzierteren Blick auf die beiden Schleuser und wirft ihn in leise, unstillbare Konflikte. Selbst geflüchtet, geben beide Geschwister Mitgefühl als treibende Kraft ihrer Aktivitäten an, während Lea, getrieben von ihrer Angst um ihre Angehörigen, nicht weiß, wem sie eigentlich noch vertrauen kann. Sie hat ihrer Heimat nicht nur den Rücken gekehrt, sondern jegliches Vertrauen in Rechtsstaatlichkeit verloren, was das Fundament ihrer Zerrissenheit ist. Auch Bortz, auf der Suche nach seinem Kollegen, kann sich Fragen nach Beruf und Berufung nicht verschließen.

Tatort Stuttgart stellt hier ein aktuelles sozialpolitisches Thema in den Vordergrund und beschäftigt sich zudem mit der Frage, ob Schleuser wirklich so abgebrühte Menschen sind, wie man meinen würde und wie man sie uns medial verkauft. Abseits davon, dass schon die Fragestellung mutig und aktuell gestellt ist, bleibt auch die Umsetzung dessen nicht weit zurück. Was ist Recht und Rechtsstaatlichkeit und was ist Beruf und Berufung innerhalb dieses Systems? Zwischen Kammerspiel und Fahndung werden Fragen aufgeworfen, die es in Zukunft zu beantworten gilt. Völlig frei von Kitsch und Pathos führt uns dieser Tatort vor Augen, dass eben nicht alles schwarz/weiß innerhalb der Flüchtlingsproblematik ist und sein kann. Atmosphärisch kompakt, mit mitreißender Kameraführung und einem herausragenden Richy Müller hebt sich dieser Tatort wohltuend von seinen thematisch ähnlichen Kollegen ab. Es sind die leisen Konflikte, die in unseren Ohren klingeln und diesen Tatort brisant machen.

Regie: Züli Aladag

Drehbuch: Christian Jeltsch

Darsteller: Richy Müller, Felix Klare, Christian Koerner, Edita Malovcic
Orhan Kilic, Sascha Alexander Geršak, Carolina Vera ,Jürgen Hartmann, Florence Kasumba, Babak Sayyar

Musik: Enis Rotthoff

Kamera: Andreas Schäfauer, Christoph Schmitz

Sicario (2015) von Denis Villeneuve

Innerhalb des mexikanischen Drogenkrieges sind FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) und ihrem Partner Reggie (Daniel Kaluuya) die Hände gebunden. Je näher sie dem Drogensumpf kommen, desto mehr müssen sie auch um ihr Leben kämpfen. Frustriert und abgekämpft sehen sie aus, allen voran Kate. Schlabberlook, Augenringe und eine ausgemergelte Figur zeichnen die FBI-Agentin aus, aber auch ein nicht schweigender Idealismus treibt sie an sowie um. Innerhalb einer Task Force der CIA soll Kate nun ihre Chance bekommen, die Verantwortlichen zur Strecke zu bringen. Dies ist die grobe Rahmenhandlung von „Sicario“, aber im Kern geht es, wie so häufig, um etwas anderes.

Das Einsatzgebiet der Task Force erstreckt sich entlang der Grenze zwischen Arizona und Mexiko und konzentriert sich die Ciudad Juárez, welche auch im realen Leben für ihre Drogenkartelle berüchtigt ist. Wie eine Schlange und mit nervenbefeuerndem Sound (Oscar-Nominierungen für Jóhann Jóhannsson für die beste Filmmusik und Alan Robert Murray für den besten Tonschnitt) wälzt sich der Konvoi von schwarzen Spähern nach Juarez und wieder zurück. In einer atemberaubenden langen Einstellung sollen wir die ganze Willenskraft der Regierung zu spüren bekommen, aber auch die Verzweiflung Kates spüren, die mehr als deutlich wird. Es ist dieser erste Moment, die erste Konfrontation auf der Straße, welche enthüllt, was das eigentliche Thema ist. Hier werden keine Drogenkartelle bekämpft, hier bekämpfen sich Organisationen. Hier stehen Idealismus und Rechtschaffenheit gegen sich reproduzierende Gewalt. Gut gegen Böse in jedem selbst.

Sicario, wie einem am Anfang erklärt wird, steht für Auftragskiller. Bewusst wird dieser Hinweis durch den ganzen Film verfolgt. Dabei geht es schon lange nicht mehr um den hier namentlich mit Manuel Diaz (Bernardo P. Saracino) vertretenen Drogenboss, sondern um Ausgeburten von Gefügen, die sich einander immer mehr annähern. Nicht nur Kate, sondern auch der Zuschauer, wird lange im Dunkeln gelassen, worauf man sich hier eigentlich eingelassen hat. Die beiden Hauptverantwortlichen, der Leiter der Spezialeinheit Matt (Josh Brolin) und der kolumbianische Staatsanwalt Alejandro (Benicio del Toro) verkörpern die geballte Schlagkraft und die Undurchsichtigkeit von Regierungen, denen jedes Mittel recht ist, um die Waagschale wieder in ihre Richtung zu bewegen.

Denis Villeneuves Filme zeichnen sich nicht gerade durch Schnelllebigkeit aus, aber durch eine langanhaltende subtile Spannung, die genau dadurch aufgebaut wird. Filme wie „Prisoner“ und „Die Frau, die singt-Incendies“ wirken lange verstörend, nur um dann mit menschlichen Abgründen zu konfrontieren. In Sicario gelingt das bedingt. Die schnellen Sprünge auf der einen Seite (v.a. in der Charakterentwicklung), und die langsame Erzählweise auf der anderen Seite, machen es einem manchmal nicht leicht am Ball zu bleiben und wollen sich nicht so recht in stimmiges Bild fügen. Aber das, was Sicario mindestens sehenswert macht, sind seine Schauspieler. Benicio del Toro und Emily Blunt müssen hier besonders hervorgehoben werden. Es ist fast eine Befriedigung Alejandro auf seinem Rachefeldzug zu begleiten, dabei aber immer auch Bedauern zu empfinden. Egal, auf welcher Seite man steht, man ist im Recht.

—Spoiler—

Im letzten Satz Alejandros: „Jetzt lernst du Gott kennen“ wird eine Warnung sowie auch Hoffnung deutlich. Hier gibt es nur einen Richter. Dieser wird über uns richten, aber nicht im Leben. Chance auf Erlösung aus diesem Kampf, kann es nur im Tod geben, niemand kann gewinnen.

Zu der visuellen Gestaltung kann ich folgendes Video (Englisch) nur wärmstens empfehlen:

North & South (2004) von Brian Percival

Vier Stunden sind für diese Verfilmung nicht zu lang, sondern höchstens ausreichend. North & South wird innerhalb der Literatur von manch Abtrünnigen als das bessere Stolz und Vorurteil gehandelt. Immerhin hat man mich nun so weit, dass ich dazu keine Stellung mehr beziehe, bevor ich das Buch nachgeholt habe.

Zur Sache: Niemals gefühlsduselig, fesselnd und nie auch nur einen Schritt daneben, präsentiert sich diese Verfilmung von Elisabeth Gaskells Roman. Um Stolz und Vorurteile dreht sich auch hier alles, aber vor allem handelt es auch von Sitten und Sittlichkeit. Sittlichkeit kommt immer mit gemein akzeptierten gesellschaftlichen Regeln und Bestimmungen. Diese stellt hier auf, wer sich auch anderweitig an der Macht bedient und diese für sich zu gebrauchen weiß. Sie begrenzt das Denken Untenstehender und verwehrt ihn das Emporkommen. Mit den Erschwernissen an Bildung, Nahrung und Meinung zu kommen, hält man den denkenden Geist fest im Zaum, die Tugend gilt dabei als Wert der Vermarktung und Chance des Emporkommens in der Welt.

Dies sind alles keine neuen Themen aus dieser Zeit und unter anderem auch bei Charles Dickens sehr gut aufgehoben, dennoch weiß dieser Film diese einzelnen Stränge in Schönheit und mit Liebe zu verpacken, ohne je willkürlich zu wirken. Es ist somit ein aktuelles Portrait einer Gesellschaft, wie sie heute existiert, wenn auch mit feineren Abstufungen. Eine Liebesgeschichte, die eigentlich von der Liebe der Menschen handelt, die sich in verschiedenen Ansichten, aber in der gleichen Lage wiederfinden und gemeinsam etwas bewegen wollen. Menschen, deren Interessen und Leidenschaften nicht so entfernt voneinander sind, wenn sie sich die Mühe machen, einander zuzuhören. Sehr sehenswert!

 

The Revenant von Alejandro González Iñárritu

Vorweg vielleicht: Alejandro González Iñárritus Filme sind sicherlich in vielen Hitlisten von Filmliebhabern sehr weit oben. Und mit „Birdman- Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit“ fand dies letztes Jahr seinen Höhepunkt. Sämtliche Preise überschütteten die vor sich hinstampfende Hollywood-Kritik und Iñárritu kam endlich zu der Aufmerksamkeit, die er schon mit seinen ersten Filmen verdient hatte. In Birdman selbst dreht sich viel um die Kritik an Hollywood oder an der Branche an sich:  Wie sie die Macht hat, Leben zu zerstören oder jemanden in die Höhe zu heben und davon, dass das Inszenieren immer zwischen Angst und Erfolgswahn pendelt und nach ewigem Ruhm strebt, weil sonst nur leere Hülle bleibt.

„The Revenant“ ist nun der Film nach Birdman. Und er ist etwas komplett Anderes. Eingeleitet mit der wohl atemberaubensten Jagd, die eine Kinoleinwand jemals zeigen durfte, sitzt der Zuschauer schon mal schwankend im Sattel. Von Kameraarbeit kann keine Rede mehr sein, nachdem was Emmanuel Lubezki dort betreibt. Kamera-Macht, Kamera-Stunts oder visuelles Kunstgefüge, so oder anders sollte man das bezeichnen. Emmanuel Lubezki erfindet sich nicht neu, er schafft ein neues Genre des Visuellen. Wenn er Ende Februar seinen dritten Oscar in den Händen hält, wird man nicht umhin kommen, zu denken, dass es für ihn eine ganz neue Kategorie geben müsste. Denn besagtes Schwanken im Sattel, es ist real, genau wie alles andere. Die überall zitierte und berühmte Grizzly-Szene, sie wird in die Filmgeschichte eingehen. Noch nie war einem die Natur näher, noch nie entfernter, noch nie hat man sich mit ihr so klein gefühlt. An dieser Stelle müsste man mit Superlativen um sich werfen, denn der ganze Film weiß dies zu bewirken.

Diese Superlative sind es nun, die einen zwischenzeitlich aufmerken lassen. Was gucke ich mir da eigentlich an? Dies fragt man sich ab der zweiten Hälfte, aber dazu später.

Sprechen muss man hier nämlich auch von Iñárritu. Ja, er gerät bei aller Virtuosität von Lubezki in Vergessenheit. Interessanterweise kann man dieses Phänomen auch bei anderen Filmen beobachten, für die sich der Kameramann verantwortlich zeigt. Children of Men und Birdman sind hiervon wohltuende Ausnahmen. In diesen Beispielen zeigt sich, wie sich Genies verbinden und etwas Großes, etwas Neues schaffen. The Revenant fällt nicht darunter. Iñárritu, auch verantwortlich für das Script, fügt einen simplen Racheplot in das Geschehen, was dramaturgisch durchaus nachvollziehbar ist, aber unter Lubezki eben total verblasst. Es ist der Film eines Kameramanns und nicht eines Regisseurs. Lubezki, er lässt uns die Natur spüren, Iñárritu, er stellt sie lediglich zur Schau. Die Ausgewogenheit, wie sie sich in Birdman präsentierte, existiert hier nicht. Diese Meta-Ebenen, die Iñárritu durch den Trapper Hugh Glass oder die Natur anspricht, sie existieren nicht logisch. Was wäre das für ein mutiger und überragender Film gewesen, hätte man diesen Plot nicht so ausgereizt. Ganz simpel: Der Trapper Hugh Glass versucht wieder nach Hause zu kommen, nicht mehr, aber in dieser visuellen Wucht eben auch nicht weniger. Verleiht man eben dieser Wucht einen so minimalistischen Denkansatz, dann folgt daraus konsequenterweise ein wahrgenommenes Missverhältnis. Es fügt sich nicht ineinander und daran krankt auch der letzte Teil des Films. Im Kino konnte man an den Stellen, an denen Hugh Glass sich gleichzeitig als Mensch und Übermensch präsentiert, die Zuschauer lachen hören, was dafür spricht, aber auch durchaus beruhigend ist, vor allem, wenn man sich den letzten Kritikpunkt ansieht.

Was sehe ich mir da eigentlich an?

Wenn man aus diesem Film rausgeht, beschleicht einen ein merkwürdiges Gefühl, beinahe ein schlechtes Gewissen. Wie im Rausch versucht man nach diesem Erlebnis die Orientierung wiederzufinden. Geht es nicht aber genau darum? Geht es nicht um das visuelle Berauschen im Kino. Ja. Aber wie auch bei anderen konsumierbaren Drogen sind die Grenzen fließend. The Revenant sei „Pain Porn“ schreibt Carole Cadwalladr im Guardian. Und sie hat bedingt Recht. Sie vergleicht diesen Film unter anderem mit IS-Videos, was zu weit gegriffen ist und vom Thema wegführt, die Diskussion aber im Kern trifft. Der Zuschauer berauscht sich an Totschlag, Vergewaltigung und Siechtum und das rein visuell. Es existiert keine Erklärung für diese hemmungslose Gewalt. Bei Pornos ist es der schnell zugängliche Sex, der einem körperliche Befriedigung verschafft, aber nichts darüber hinaus. Sollen wir uns also durch Gewalt befriedigen? Diese Frage birgt schon einen Widerspruch in sich.

Iñárritu ist hier meiner Meinung nach seiner eigenen vorjährigen Kritik erlegen oder vielleicht einem selbst auferlegten Zwang, etwas noch Größeres schaffen zu müssen. Es muss jeder für sich selbst beantworten, wie real Film sein kann und sein sollte. Sehenswürdigkeit kann man dem Film nicht absprechen, dennoch sollte man diese Fragen nicht außer Acht lassen.

Es begab sich im Jahre 1895, dass in einem der ersten Filme („L’Arrivée d’un train à la Ciotat“) „Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“ besichtigt werden konnte. Der Zug fuhr entfernt aus dem rechten Bildrand, näherkommend, auf den linken Bildrand zu.

Heute lachen wir darüber, damals sind die Menschen panikartig aus dem Kino gerannt.

Quellenangaben:

Cadwalladr, C. (2016). The Revenant is meaningless porn pain. Zugriff am 09.02.2016 unter http://www.theguardian.com/commentisfree/2016/jan/17/revenant-leonardo-dicaprio-violent-meaningless-glorification-pain

Persuasion (2007) von Adrian Shergold

Verführung. Was macht einen starken Charakter aus? Inwieweit darf dieser sich beeinflussen oder verführen lassen? Wie wird er verführt und wodurch?

Im Allgemeinen haben alle Fragen in diesem Zusammenhang eines gemeinsam: Die Gunst oder das Wohlwollen liegen beim Verführer selbst. In der selbst gewählten Unterordnung löst sich die Schuldigkeit, im Aufbegehren lädt sich Gewissensschuld für das eigene Handeln auf. Es ist auch Schuld, die die Heldin hier mit sich herumträgt, genauer: Die Schuld einmal im Leben eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Gezeigt werden die Folgen, die aus Verführung und Schuld erwachsen können. So müssen alle Figuren sich stets selbst fragen, ob sie sich beugen oder aufbegehren. Ob es um gesellschaftliche Konventionen, Gefühle oder das eigene Handeln geht, stets wird unter Umgehung der Schuld oder Schuldigkeit gesellschaftliches Leben abgehandelt. Die Freiheit existiert nur in Gedanken und dieser Käfig wird nur allzu deutlich, wenn verletzter Stolz und Eitelkeit diesen vor der Wirklichkeit verriegeln.

Persuasion oder auch Verführung/Überredung ist ein relativ unbeachtetes und das letzte vollendete Buch von Jane Austen. Man darf sich also eigentlich freuen, wenn die BBC sich dessen annimmt. Allerdings erfährt die Verfilmung nicht sonderlich viel Beachtung. Hektisch werden mittels inflationär eingesetzter Wackelkamera alle Stationen abgearbeitet, dass einem schwindelig wird. Bevor man die Chance bekommt, sich auf eine Figur einzulassen, wird man mit dröhnendem Sound davongejagt. Sally Hawkins interpretiert die Figur Anne Elliot recht eigenwillig und, wenn man jemals nach einem weiblichen Pendent für die redmaynsche bebende Unterlippe gesucht hat… Hier wird man durchaus fündig. Das fällt aber sicherlich unter Geschmackssache. Ein allgemeines overacting kann man dem Film aber dennoch nicht absprechen, weshalb die Grundthematik oft zu exzentrisch gerät. Verführung ist im Wortsinn selbst schon subtil und kann nicht einfach schreiend ausgestellt werden. Weniger ist manchmal eben mehr. Dass am Inhalt nicht viel verändert wurde ist positiv anzumerken, da man trotz der Umsetzung noch ein gutes Gefühl für die Kernthematik bekommen kann, welche sich ganz auf die Selbstbefreiung der Hauptfigur konzentriert.

Diese Frage nach Auto- und Heteronomie zieht sich oft durch die Romane Jane Austens, aber in keinem so deutlich wie hier. Die übrig gebliebene Eigenverantwortlichkeit wird hier als Motor für Veränderungen betrachtet, die nicht zwangsläufig mit allen Konventionen brechen muss. Im Spiegel seiner selbst kann man aus Vergangenem lernen und sich neu emanzipieren, wenn man bereit ist die Verantwortung dafür zu tragen. So zeichnet Persuasion ein sehr optimistisches Bild, welches die damalige und vielleicht auch heutige Gesellschaft als Zuflucht willkommen heißt.