Seom (2000) von Kim Ki-duk – Am Angelhaken („S“.E.P.T.E.M.B.E.R. #1)

Worum geht es? Zack von Zacksmovie hat dazu aufgerufen, den S.E.P.T.E.M.B.E.R. zu schauen – Buchstabe für Buchstabe. Ich habe lange überlegt, welchen Film ich nehme. An Auswahl mangelte es jedenfalls nicht. Seom von Kim Ki-duk hat es mir am meisten angetan (und das darf man ganz wörtlich nehmen).

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Herzensbrecher (2010) von Xavier Dolan – Dieses obskure Objekt der Vorstellungskraft

Vörred: Manchmal trifft auf jemanden und eine Vorstellung dieser Person schraubt sich traumschlossartig in unbestimmte Höhen, bestimmt das Denken und, zum Leidwesen des Verzückten, auch manchmal das Handeln. Meine Dolan-Reise geht weiter und es bleibt dabei, er ist ein ausgezeichneter Beobachter und schafft es zudem, ausgezeichnete Bilder seiner Eindrücke zu vermitteln. 

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Elle OmU (2017) von Paul Verhoeven – „Not bad, huh?“

Vörreed: In Elle war ich am selben Tag, wie in The Salesman von Asghar Farhadi. Eigentlich würde es einen ganzen Blogeintrag rechtfertigen, die beiden Werke zu vergleichen, da sie einen ähnlichen Bezugsrahmen haben. Ein Fazit wäre sicherlich, dass Paul Verhoeven den Zuschauer sprachloser und verstörter zurücklässt. Selten habe ich so viele Ausrufe in einem Film erlebt.
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45 Years (2015) von Andrew Haigh

45 Years betitelt den Stand der glücklichen Ehe von Kate Mercer (Charlotte Rampling; Oscar-Nominierung und silberner Bär) und ihrem Ehemann Geoff (Tom Courtenay; silberner Bär). Für die Feier zu Ehren dieses Tages laufen Vorbereitungen in alle Richtungen. Freunde helfen und prophezeien viele Tränen, der Festsaal wird ausgesucht und es verspricht ein netter und schöner Abend zu werden, als Geoff plötzlich einen Brief erhält. In diesem erfährt er, dass die Leiche seiner damaligen Freundin Katya aufgefunden wurde, die durch einen Sturz in den Bergen ums Leben gekommen ist. Vor 50 Jahren waren Geoff und sie mit einem Freund auf einer Wanderung, als sie unvermittelt in eine Felsspalte stürzte. Als er diesen Brief in den Händen hält und später überlegt, in die Schweiz zu fahren, geht ein einschneidender Ruck durch die Ehe der beiden.

Andrew Haigh („Weekend“) adaptierte für das Drehbuch eine Kurzgeschichte  von David Constantine. Der Hauptfokus liegt auf Geoff und Kate und deren Umgang mit der Erinnerung an Katya (namentlich ähnlich angelegt) sowie den daraus emporsteigenden Emotionen. Ganz leise und sacht entfaltet sich das Miteinander der beiden Partner, die routiniert und herzlich miteinander wirken. Sätze, die nicht richtig ausgesprochen werden müssen, weil der andere weiß, was man denkt oder sagen möchte, gemeinsame Erinnerungen, die sich in der Zeit erst zu einer gemeinsamen geformt haben sowie die selbstverständlichen Berührungen bei den alltäglichen Verrichtungen sind Anzeichen für diese Herzlichkeit. Dabei lebt dieses Zusammenspiel von der Virtuosität der beiden Hauptdarsteller, denen man zu jedem Zeitpunkt ihre jahrelange Intimität abnimmt. Eine Intimität und Verbundenheit, die scheinbar schon viel Tiefen überwunden hat und daran gewachsen ist. Charlotte Rampling spielt diese Rolle nicht einfach nur, sie lebt sie, reduktionistisch, auf den Punkt und jeden Grundton bestimmend. So vermögen es auch nur die leisen Zwischentöne, am Gerüst dieser starken Verbundenheit zu rütteln und sie auf die Probe zu stellen. 45 Years ist dabei einer dieser wenigen Filme, in denen man ab und an das Gefühl hat, man stört als Zuschauer, denn das Leiden Kates durchdringt einfach alles und auch die immer stärker werdende Abwesenheit Geoffs ist zu jeder Zeit spürbar.

Als Kate etwas mehr über die Vergangenheit ihres Mannes herausfindet, bröckelt ihre Ehe. Auf dem Dachboden sitzend kann man ihr in einer Abfolge von Dia-Bildern die Zerrüttung ansehen, die sie nach außen hin zu verbergen versucht. Dieser Versuch, sich davon nichts anmerken zu lassen, zwingt auch beide in eine verfahrene Situation hinein, die zum Ende hin bis zum Bersten gespannt ist. Beide hören auf, miteinander zu reden. Kate sagt dann auch sinngemäß an einer Stelle, dass sie sich noch nicht kannten, aber in dem Jahr des Unfalls, beide mit einem Verlust umgehen mussten (ihre Mutter starb auch in diesem Jahr). Sie befindet es daraufhin als sonderbar, dass sie erst jetzt darüber sprechen würden, da es für beide ein besonderes Jahr war. Es ist letztlich ihr verzweifelter Versuch, an etwas anzuknüpfen, an das man nicht anknüpfen kann und eine Verbindung zu schaffen, wo keine sein kann.

„Wenn wir älter werden, hören wir auf, Entscheidungen zu treffen. Darum sind die, die wir treffen, wenn wir jung sind, so verdammt wichtig.“

Es ist etwas, dass wir alle kennen, wenn wir neue Beziehungen mit Menschen eingehen und versuchen, unsere Vergangenheiten und Gefühle mit einzubringen. Der jeweils andere wird immer wissen, dass es andere vor ihm gegeben hat. Es wird immer die große erste Liebe geben, die der andere nicht ist. Geoff allerdings, hat diese Vergangenheit in der Felsspalte neben Katya begraben und nun holt die Erinnerung an diese Liebe nicht nur ihn, sondern auch sein Leben ein. Die Erinnerung an eine Liebe, gegen die man nicht kämpfen und schon gar nicht ankommen kann. In der Rede Geoffs auf ihrer Hochzeitsfeier kann man nur raten, wem seine Tränen letztlich galten. Kates Ausdruck am Ende lässt daran wenig Zweifel, denn er vereint die Bitterkeit aller enttäuschten Lieben, die an diesem Kampf scheitern mussten.

45 Years ist ein zutiefst ruhiger und besonnener Film, der aber im Inneren für starke Unruhe zu sorgen vermag.

Regie: Andrew Haigh

Drehbuch: Andrew Haigh

Darsteller: Charlotte Rampling, Tom Cortenay, Dolly Wells, Geraldine James, Richard Cunningham, David Sibley

Beitragsbild: © Piffl Medien GmbH

Die Kirche bleibt im Dorf (2012) von Ulrike Grote

I fasch desch ma kurz zusamme… Totschlach, Unnerlaschene Hilfeleischtung, Körperverleschtzung, Hosfreidnsbruch, Betruch, un Alkoholmischbrauch… Un desch allesch uf Schwäbisch!

Wo sie sind? In Ober- und Unterrieslichen! Und die beiden Ortschaften trennen eigentlich nur zwei Dinge. A Kirsch un a Friedhoff. Denn diese beiden Stätten muss sich der gemeine Rieslinger teilen, was ihm schon mal so gar nicht gefällt.

Die Oberrieslinger haben die Kirche und die Unterrieslinger den Friedhof, aber eines haben sie gemeinsam: Ein Schlagloch. Dieses liegt genau zwischen den beiden Gemeinden und wird der Verantwortungslosigkeit überlassen bzw. ist der jeweils andere, wenn überhaupt, verantwortlich. Dumm nur, dass Oma Häberle aus Oberrieslingen nun ausgerechnet dieses mitnimmt und gemeinsam mit ihrem Motorrad das Zeitliche segnet bzw. hats sies dohin bräzelt. Aber das ist nicht das einzige Problem:

Denn jetzt kommt auch noch Robert Redford, um die Kirche zu kaufen! Ob das gut geht…

Ulrike Grote nimmt hier im wahrsten Sinne des Wortes ganz schön Fahrt auf, dass einem das Herz ab- und aufgeht. In typisch dörfischen Stereotypen wird hier geschwäbelt, was das Zeug hält, Wortwitz und Verwechslung reichen sich genauso die Hand, wie Vorurteile und Zänkerei. Die verschwörerische Pseudo-Mystery-Story umrahmt das Ganze, und driftet damit in völlig andere, manchmal aber auch unnötige Sphären ab. Skurril, frisch, locker und vor allem urkomisch kommt diese Komödie nicht nur um die Ecke, sondern auf dem Trekker angezappelt, dass einem ab und an der Riesling durch die Nase läuft.

Dabei werden alle Klischees bedient, die ein Dorf so hergibt, allen voran schwäbische! Oin dudla, Bemmbra und  buabala. Wer schon immer mal, mit Omi im Grab Schlittenfahren üben wollte, Shakespeare-Strümpfelbach-Vergleiche nicht scheut oder wirklich wissen möchte, was es heißt, die Kirche im Dorf zu lassen, ist hier goldrichtig. Und wer nachhaltig Spaß hatte, kann die Fortsetzung vom SWR in Serie betrachten.

Nur düstern Frieden bringt uns dieser Morgen.

Die Sonne scheint, verhüllt vor weh, zu weilen.

Zur richtigen Aussprache gehäuft vorkommender Wörter sei eine kleine Einführung empfohlen.

Außerdem zur Einstimmung auf diese Komödie dringend zu empfehlen:

 

Ganz herzlich bedanke ich mich an dieser Stelle bei Liegeradler von der Seite Kinogucker, der mir diese DVD freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat! 

Regie: Ulrike Grote

Drehbuch: Ulrike Grote

Darsteller: Rolf Schübel, Karoline Eichhorn, Natalia Wörner, Ulrich Gehbauer, Hans Löw, Christian Pätzold, Dietz Werner Steck, Peter Jordan, Stephan Schad, Julia Nachtmann, Elisabeth Schwarz, Hans-Joerg Frey, Dominik Kuhn, Gary Francis Smith

Der Abend der Gaukler (1953) von Ingmar Bergman

Der Abend der Gaukler ist angebrochen, wenn alle sich in Make-Up und Kostüme geworfen haben und alten Glanz ausstrahlen. Der Abend der Gaukler ist angebrochen, wenn sich das Podest der Fähigkeiten zeigt. Der Abend der Gaukler ist angebrochen, wenn die Verstellung über der Demütigung steht. Die Manege ist rund und seit jeher gut einsehbar. Armut, Unterordnung und aufgesetzter Stolz werden offen zur Schau gestellt. Die Demut des Zirkus lässt den Außenstehenden größer wirken, der äußere Anstrich verbirgt die Gefahr der Herabwürdigung und hält mit brüchigem Stolz dagegen.

„Wir verachten euch, weil ihr im Zirkuswagen lebt und wir in schmutzigen Hotelzimmern, weil wir Kunst machen und ihr Kunststücke. Sehen sie, der Unbegabteste von uns, kann den Größten von euch anspucken. Wollen sie wissen aus welchem Grund? Weil euer Einsatz das Leben ist, uns genügt die Eitelkeit völlig.“

Der Zirkus, ein poröses Gefüge der Abgewiesenen und Außenseiter, unterhält die Eitelkeit der Zuschauer und lässt sie mit dem beständigen Anreiz des möglichen Scheiterns die Show genießen. Kein Schausteller kann sich erheben, ohne sich zu enttarnen und sich der Lächerlich preiszugeben, keiner sich wehren. Nur die Hingabe kann den Abend der Gaukler zu einem glorreichen Abend machen, denn die unaufgeforderte Aufopferung für die Kunst fasziniert und macht sie unerreichbar.

„Ja, wenn sie den Mut dazu hätten, würden sie uns noch lächerlicher finden, mit unserer halben Eleganz, unseren geschminkten Gesichtern und unserer unnatürlichen Sprache.“

Es sind fließende Grenzen von Stolz und Demütigung, die Ingmar Bergman hier umschifft. Man muss immer aufpassen, auf welcher Seite der Manege man sich gerade befindet und sich befinden möchte und was man opfern möchte, um die Seiten zu wechseln. Die düster absurde Atmosphäre des Zirkuslebens unterstreicht die Vorstellung der Gaukler, die Gebundenheit an den Zirkus und die Ausweglosigkeit aus der Demut.

Hereinspaziert, Manege frei.