Gesneakt: Eddie the Eagle – Alles ist möglich (2016) von Dexter Fletcher

Das auf wahren Begebenheiten beruhende Biopic Eddie the Eagle handelt von Eddie Edwards (Tom Courtenay), dessen Wunsch es ist, zur Olympiade zu fahren. Mit welcher Sportart? Egal, Hauptsache Olympiade. In jungen Jahren, ist sein Knie zu instabil, weshalb er eine Schiene tragen muss, die seine Ärzte zu der Aussage nötigt, er möge doch lieber das Lesen anfangen und nicht mehr an Sport denken. Es ist allerdings ausgerechnet ein Buch über olympische Erfolge, dass dem jungen Eddie in die Hände gerät und aufgrund dessen man ihm den Wunsch, Olympia-Teilnehmer zu werden, nicht mehr ausreden kann. Der Schiene bald entledigt, enden mehrere Fehlversuche im Garten, mit leichten materiellen Schäden, aber nichts Ernstem. Während seine Mutter nicht bereit ist, ihn zu entmutigen, drängt sein Vater ihn dazu, Maurer zu werden und den Unsinn endlich sein zu lassen. Eddie aber denkt gar nicht daran aufzugeben und so landet er, mit den Ersparnissen der Eltern sowie deren Wohnmobil, in Deutschland, mit dem nun endgültigen Wunsch, Ski-Springer zu werden, da aufgrund seines Rauswurfs, Abfahrtsski nicht mehr in Frage kam.

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Erinnerungen an Marnie (2014) von Hiromasa Yonebayashi

Anna ist 12 Jahre alt und ein in sich gekehrtes Mädchen. Zudem hat sie Asthma, was zu ihrer verquerten Sicht führt, dass sie eine Belastung für andere Menschen darstellt. Immer mehr zieht sie sich zurück, was zur Sorge ihrer Pflegemutter Yoriko beiträgt. Diese schickt sie daraufhin zur Erholung zu ihren Verwandten Kiyomasa und Setsu nach Hokkaidō. Dort angekommen durchstreift sie die Gegend und findet bald eine alte Villa, die sie in ihren Bann zieht. Zwischen Traum und Realität schwankend, entfaltet sie die Geschichte Marnies, eines kleinen blonden Mädchens aus der Villa und freundet sich mit ihr an.

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45 Years (2015) von Andrew Haigh

45 Years betitelt den Stand der glücklichen Ehe von Kate Mercer (Charlotte Rampling; Oscar-Nominierung und silberner Bär) und ihrem Ehemann Geoff (Tom Courtenay; silberner Bär). Für die Feier zu Ehren dieses Tages laufen Vorbereitungen in alle Richtungen. Freunde helfen und prophezeien viele Tränen, der Festsaal wird ausgesucht und es verspricht ein netter und schöner Abend zu werden, als Geoff plötzlich einen Brief erhält. In diesem erfährt er, dass die Leiche seiner damaligen Freundin Katya aufgefunden wurde, die durch einen Sturz in den Bergen ums Leben gekommen ist. Vor 50 Jahren waren Geoff und sie mit einem Freund auf einer Wanderung, als sie unvermittelt in eine Felsspalte stürzte. Als er diesen Brief in den Händen hält und später überlegt, in die Schweiz zu fahren, geht ein einschneidender Ruck durch die Ehe der beiden.

Andrew Haigh („Weekend“) adaptierte für das Drehbuch eine Kurzgeschichte  von David Constantine. Der Hauptfokus liegt auf Geoff und Kate und deren Umgang mit der Erinnerung an Katya (namentlich ähnlich angelegt) sowie den daraus emporsteigenden Emotionen. Ganz leise und sacht entfaltet sich das Miteinander der beiden Partner, die routiniert und herzlich miteinander wirken. Sätze, die nicht richtig ausgesprochen werden müssen, weil der andere weiß, was man denkt oder sagen möchte, gemeinsame Erinnerungen, die sich in der Zeit erst zu einer gemeinsamen geformt haben sowie die selbstverständlichen Berührungen bei den alltäglichen Verrichtungen sind Anzeichen für diese Herzlichkeit. Dabei lebt dieses Zusammenspiel von der Virtuosität der beiden Hauptdarsteller, denen man zu jedem Zeitpunkt ihre jahrelange Intimität abnimmt. Eine Intimität und Verbundenheit, die scheinbar schon viel Tiefen überwunden hat und daran gewachsen ist. Charlotte Rampling spielt diese Rolle nicht einfach nur, sie lebt sie, reduktionistisch, auf den Punkt und jeden Grundton bestimmend. So vermögen es auch nur die leisen Zwischentöne, am Gerüst dieser starken Verbundenheit zu rütteln und sie auf die Probe zu stellen. 45 Years ist dabei einer dieser wenigen Filme, in denen man ab und an das Gefühl hat, man stört als Zuschauer, denn das Leiden Kates durchdringt einfach alles und auch die immer stärker werdende Abwesenheit Geoffs ist zu jeder Zeit spürbar.

Als Kate etwas mehr über die Vergangenheit ihres Mannes herausfindet, bröckelt ihre Ehe. Auf dem Dachboden sitzend kann man ihr in einer Abfolge von Dia-Bildern die Zerrüttung ansehen, die sie nach außen hin zu verbergen versucht. Dieser Versuch, sich davon nichts anmerken zu lassen, zwingt auch beide in eine verfahrene Situation hinein, die zum Ende hin bis zum Bersten gespannt ist. Beide hören auf, miteinander zu reden. Kate sagt dann auch sinngemäß an einer Stelle, dass sie sich noch nicht kannten, aber in dem Jahr des Unfalls, beide mit einem Verlust umgehen mussten (ihre Mutter starb auch in diesem Jahr). Sie befindet es daraufhin als sonderbar, dass sie erst jetzt darüber sprechen würden, da es für beide ein besonderes Jahr war. Es ist letztlich ihr verzweifelter Versuch, an etwas anzuknüpfen, an das man nicht anknüpfen kann und eine Verbindung zu schaffen, wo keine sein kann.

„Wenn wir älter werden, hören wir auf, Entscheidungen zu treffen. Darum sind die, die wir treffen, wenn wir jung sind, so verdammt wichtig.“

Es ist etwas, dass wir alle kennen, wenn wir neue Beziehungen mit Menschen eingehen und versuchen, unsere Vergangenheiten und Gefühle mit einzubringen. Der jeweils andere wird immer wissen, dass es andere vor ihm gegeben hat. Es wird immer die große erste Liebe geben, die der andere nicht ist. Geoff allerdings, hat diese Vergangenheit in der Felsspalte neben Katya begraben und nun holt die Erinnerung an diese Liebe nicht nur ihn, sondern auch sein Leben ein. Die Erinnerung an eine Liebe, gegen die man nicht kämpfen und schon gar nicht ankommen kann. In der Rede Geoffs auf ihrer Hochzeitsfeier kann man nur raten, wem seine Tränen letztlich galten. Kates Ausdruck am Ende lässt daran wenig Zweifel, denn er vereint die Bitterkeit aller enttäuschten Lieben, die an diesem Kampf scheitern mussten.

45 Years ist ein zutiefst ruhiger und besonnener Film, der aber im Inneren für starke Unruhe zu sorgen vermag.

Regie: Andrew Haigh

Drehbuch: Andrew Haigh

Darsteller: Charlotte Rampling, Tom Cortenay, Dolly Wells, Geraldine James, Richard Cunningham, David Sibley

Beitragsbild: © Piffl Medien GmbH

Spotlight (2015) von Tom McCarthy

Der Zeitschrift Boston Globe ist eine eigene investigative Abteilung zu eigen, welche über längere Zeiträume über vermeintlich brisante Themen recherchiert und in der Folge ihre Leserschaft über diese Themen aufklärt – hier namentlich mit Spotlight betitelt. Zeitung und Spotlight-Team, bestehend aus Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams), Michael Rezendes (Mark Ruffalo), Steve Kurkjian (Gene Amoroso), Matt Carroll (Brian d’Arcy James) und Eileen McNamara (Maureen Keiller) bekommen einen neuen Editor – Marty Baron (Liev Schreiber). Baron liest in einer Kolumne über die Vertuschung eines Missbrauchs-Skandals durch den Kardinal Law, dem Erzbischof von Boston, und macht sie zum Hauptanliegen von Spotlight, welche die Spur vorerst bis zu 13 Priestern verfolgt.

Die Geistlichen wurden nach dem Vorwurf des Missbrauchs vom Kardinal unter falschen Angaben in andere Positionen versetzt. Auf deren Spur kommt die Arbeitsgruppe nicht zuletzt durch die Hilfe von Anwalt Mitchell Garabedian (Stanley Tucci) und dem Leiter einer Opfer-Rechts-Organisation (Neal Huff). Vorerst skeptisch ob der Bedeutungsschwere der Story, kommen dem Team um Chef Walter Robinson (Michael Keaton) immer neue Hinweise unter, die sich zu einem globalen Skandal ausweiten sollen, und an dessen Ende nicht nur über 6.000 Priester angeklagt sind, sondern das gesamte System Kirche schwanken wird.

Tom McCarthy verfolgt die Untersuchung dieses brisanten Materials im Film nüchtern und sachlich. Die Protagonisten können sich innerhalb dieser Ausrichtung voll entfalten und dieser auf Tatsachen beruhenden Geschichte geschlossen entgegentreten. Obwohl Mark Ruffalo in der Figur des Michael Rezendes hier hervorgehoben werden sollte, erhebt McCarthy angenehmerweise keinen seiner Figuren zu Helden, sondern zeigt mühselige und akribische Pressearbeit, die nie langsam oder schwerfällig daherkommt. Jeden ihrer Schritte, sei es im Auf- oder Nachspüren, verfolgt man mit gestocktem Atem, Betroffenheit oder Fassungslosigkeit. Darstellungen einzelner Opfer berühren hier mit Feingefühl und Aufrichtigkeit, und nicht mit betroffenheitssignaliserenden Missbrauchsszenarien. Die perfide Maschinerie der Umgarnung durch Geistliche wird in den Gesprächen mit den Missbrauchsopfern schonungslos offengelegt und weiß mit zu verachtender Selbstverständlichkeit zu beeindrucken.

Dabei wird der Fokus im Film vor allem auch auf institutionelle Nachlässigkeiten gelegt. Die große Wahrheit kennt hier niemand, aber alle halten sie die Anzeichen dafür in der Hand und müssten nur genauer hinsehen. Die Institution Kirche hat somit häufig nur kleine Gegenspieler, welche selbst nicht viel ausrichten können, und weiß diese Macht zu nutzen. Aber auch hier wird man keine stilistische Erhöhung des Zeigefingers finden, im Gegenteil. Der Zuschauer ist selbst gefragt.

„ If it takes a village to raise a child, it takes a village to abuse them.”

Es ist diese Art von Inszenierung, die Spotlight mehr als nur sehenswürdig macht. Als Abbild von Realität kann ein Film immer nur eine Wiederholung einer Wahrheit sein, sofern diese dem Film unterliegt. Spotlight lässt diese Wahrheit nicht nur weitestgehend für sich sprechen, sondern atmet förmlich durch sie. Überbläht wirkt nur die Macht der Kirche, deren Gegenstück diese Macht missen lässt. Als 4. Gewalt tritt hier die Presse in den Vordergrund, welche die einzelnen Puzzle-Teile für sich zu nutzen weiß. Nur der Wahrheit und dem Leser verpflichtet schafft sie das, was andere nicht können. Sie wird hier zum eigentlichen Helden und erinnert an die Ära der Printmedien, die heute immer mehr der Vernetzung und Schnelllebigkeit zum Opfer fallen, welche sie einst selbst für sich beansprucht haben. Im Vatikan sowie der absteigenden Rangordnung wird man wohl wieder die Köpfe einziehen müssen, auf dass der neuerliche Sturm schnell vorüberziehen möge.

Spotlight ist vor allem ein Plädoyer für Pressearbeit, aber auch für unabhängige Untersuchungen vom weitestgehend frei agierenden System Kirche, welches Millionen von Menschen beeinflusst und prägt. Glaube sollte keine Auseinandersetzung und Kritik ersetzen, sondern innerhalb dessen wachsen und blühen, denn es ist der fehlbare Mensch, der ihn in die Welt trägt.

Regie: Tom McCarthy

Drehbuch: Tom McCarthy, Josh Singer

Darsteller: Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber, John Slattery, Brian d’Arcy James, Stanley Tucci, Elena Wohl, Gene Amoroso, Dough Murray, Sharon McFarlane, Jamey Sheridan, Neal Huff,  Billy Crudup, Robert B. Kennedy

Der Marsianer-Rettet Mark Watney (2015) von Ridley Scott

„Der Marsianer“ fußt auf dem gleichnamigen Roman von Andy Weir und handelt von Mark Watney (Matt Damon), einem Astronauten und Botaniker. Dieser bleibt während einer Mars-Mission am Tag 18 (Sol 18) unter unglücklichen Umständen zurück und muss, auf sich allein gestellt, sein Überleben sichern. Mittels persönlichem Logbuch und Selbstgesprächen erfahren wir von seinem Plan, sich 4 Jahre lang über Wasser zu halten, um am Ende dieser, die Raumstation Ares IV zu erreichen und mit der dortigen Crew wieder zur Erde zu kommen. Es soll ein langer Weg werden.

Als einziger Mensch auf dem roten Planeten, zeigt sich Watney sofort von seiner derben Seite. Das einzige, was ihm in seiner Erkenntnis noch zu sagen bleibt, ist: „Fuck“. In Anbetracht der Lage mehr als angemessen und nahezu gemäßigt. Statt zu verzweifeln, überlegt er sich nun aber, wie er zu Nahrung und Wasser kommt. Ist es beim Wasser noch ein komplizierter Prozess, wird es beim Essen schon einfacher. Mars-Erde + Crew-Exkremente= Kartoffeln. Durchkalkulierte, auf 4 Jahre ausgelegte Feldarbeit.

Mittels eines persönlichen Logbuchs zeichnet er diese und andere Vorhaben auf. So ersinnt er im Laufe vorüberziehender Sols auch einen Weg mit der NASA zu kommunizieren, was nicht nur der NASA gefällt, sondern der ganzen Welt, die nun an dieser Misere teilhaben darf. Allein auf einem Planeten und die ganze Welt fiebert mit.

(Wer sich dafür interessiert, was Watney der NASA in der Romanvorlage übermittelte, nachdem sie ihn darauf hinwiesen, gemäßigtere Worte zu finden, der wird am Ende fündig)

Diese ganze Szenerie wirkt vorerst so unwirklich, dass man meinen könnte, man stecke in einem Wunschbild von Watney, der davon träumt Astronaut zu werden oder einem Traum der NASA, die fortan nur noch Bauern ins All schießt. Denn die Erwägung des Survival-Dramas kontert hier mit flotten Sprüchen, menschlichem Geschick und viel Erfindungsreichtum, ganz gemäß des hochgelobten technischen Feingefühls der Romanvorlage. Durch die anhaltende filmische Umsetzung selbiger, befindet man sich in einem immerwährenden Kontrast, der einem ein inneres Schmunzeln aufzwingt. Alles verkommt zur Farce, ohne jemals surreal zu sein. Selbst Anspielungen auf Fantasy-Verfilmungen wirken hier nicht deplatziert, genauso wenig wie Watney, der eben auf einem Planeten hockt und darauf wartet, dass ihn jemand abholt.

Sich dieser komischen Situation durchaus bewusst, verhält er sich nur folgerichtig und sorgt nicht nur bei der NASA für viel Erheiterung. Vor allem deshalb, verliert dieser Film nicht an Authentizität, sondern bildet ungehemmt eine mögliche Realität ab.

Die Rettung von Mark Watney ist großes Unterhaltungskino, das nicht auf profane Effekte setzt, sondern Einfallsreichtum, vor sich hinschleichende Spannung und subtilen bis frechen Humor in den Vordergrund stellt. Die homerische Odyssee bekommt hier einen aktuelleren Anstrich und wird über Schmerzgrenzen hinaus ausgereizt. Das Leben ist manchmal schrecklich banal und überdies vernetzt. Man kann nur damit umgehen und aufpassen, dass man nicht in seine eigenen Exkremente tritt.

„Seht mal da! Zwei Titten! –› (.Y.)“

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: Drew Goddard

Darsteller: Matt Damon, Jessica Chastain, Kate Mara, Kristen Wiig, Sean Bean, Sebastian Stan,Chiwetel Ejiofor, Mackenzie Davis, Benedict Wong, Donald Glover

Beitragsbild: © Twentieth Century Fox of Germany GmbH