Herzensbrecher (2010) von Xavier Dolan – Dieses obskure Objekt der Vorstellungskraft

Vörred: Manchmal trifft auf jemanden und eine Vorstellung dieser Person schraubt sich traumschlossartig in unbestimmte Höhen, bestimmt das Denken und, zum Leidwesen des Verzückten, auch manchmal das Handeln. Meine Dolan-Reise geht weiter und es bleibt dabei, er ist ein ausgezeichneter Beobachter und schafft es zudem, ausgezeichnete Bilder seiner Eindrücke zu vermitteln. 

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Sie nannten ihn Jeeg Robot (2015) von Gabriele Mainetti – Von Kleinkriminellen, Superhelden und Vanillepudding

An dieser Stelle führe ich mal klammheimlich Kurzkritiken ein. Mir fällt verstärkt auf, dass ich bei mir liebgewonnenen Filmen Unterschiede im Wortfluss mache und andere, die mit weniger Worten auskommen würden, deshalb gar nicht mehr berücksichtigt werden. So tummeln sich hier in letzter Zeit nur gute bis sehr gute Filme. Deshalb. Hier. Jetzt. In kurz und nicht ganz so toll. Das erste Strandgut.

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Die Taschendiebin (2016) von Chan-wook Park zieht euch die (Hand-)schuhe aus

Vörreed: Das ist mir auch noch nie im Kino passiert. Im Zuge meines neulich gefassten Neujahrsvorsatzes habe ich im Vorfeld nicht viel über den Film gelesen. Da sitze ich nun in meinem Kinosessel und lasse mich von der malerischen Handlung der Taschendiebin einfangen, als sich plötzlich die Gewissheit einstellt, das alles schon mal gesehen zu haben.
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Mysterious Skin – Unter die Haut (2004) von Gregg Araki

© 2010 Antidote Films
© 2010 Antidote Films

Dieser Film wird im Rahmen der Themenwochen: Mark My Mood: Schäumende Träume besprochen.

Mysterious Skin klebt am Zuschauer wie süßer und übelkeitverursachender Zucker. Nichtsdestotrotz sollte man dies, wenn man es noch nicht hat, billigend in Kauf nehmen, um ein thematisch rundum gelungenen Film zu sehen. Momentan auch bei Netzkino verfügbar. 

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Pelo Malo (2013/OmU) von Mariana Rondón #Favourites Filmfestival Bremen

pelo-malo-poster-01Pelo Malo oder Bad Hair steht für die Haare des neunjährigen Junior (Samuel Lange Zambrano), der sich nichts sehnlicher wünscht, als eine glatte Fönfrisur. Dies gestaltet sich jedoch schwieriger als gedacht, denn die wabenähnlichen Wohnsiedlungen Caracas in Venezuela haben für Ästhetik eher wenig Platz. Juniors Mutter Marta (Samantha Castillo) ist hingegen darauf aus aus Junior einen Mann zu formen, der der Gegenwart gewachsen ist. So betrachtet sie seine Hinwendung zum Äußeren mit Sorge und seine Ambitionen anders zu sein mit gezielter Abneigung. Feuer und Flamme für die Pläne des Enkels ist hingegen Juniors Oma Carmen (Nelly Ramos). Sie hat eigene Vorstellungen von dessen Zukunft und föhnt diesem manchmal heimlich die Haare oder singt mit ihm, während Juniors Mutter wieder auf Jobsuche ist, um ihn und seinen kleinen Brude Bebé versorgen zu können. Seinem Traum, einmal anders auszusehen, kann Junior zudem noch mit seiner Freundin Niña (María Emilia Sulbarán) nachhängen, welche für das anstehende Schulfoto schon das passende Kleid ausgewählt hat, während er von seinem Traum als Sänger zu posieren, noch viele Überredungsversuche weit entfernt ist.

Pelo Malo konnte auf dem Torino Film Festival in Italien den Publikumspreis ergattern und überzeugte sicherlich mit der Mischung aus Herz und Sozialstudie. Regisseurin Mariana Rondón wählte für die Dreharbeiten die Metropole Caracas aus, welche noch 2015 als gefährlichste Stadt der Welt galt. So hört man beim Spielen der Kinder oftmals Schüsse, die mit einer Mischung von Gewohnheit und Vorsicht spielerisch weggelächelt werden. Spiele, welche sich zwangsweise auf die riesigen Wohnblöcke erstrecken und durch deren soziale Umgebung geprägt sind. So reden beide Kinder häufig von der Möglichkeit  vergewaltigt zu werden oder davon, wie andere in diesem Teil der Stadt leben. Wie Gefängnisse oder Käfige erstrecken sich auch, die durch Wäschestücke verhängten Wohnungen würfelförmig in die Höhe. Dessen Bewohner, Produkt von Gewalt, Drogenhandel und Armut, können die Aussicht auf ein besseres Leben in der Sicht auf Nachbargebäude gleichgültig begraben, denn ein Entrinnen scheint hier unmöglich. So wackelt sich die Kamera von Micaela Cajahuaringa durch überfüllte Straßen, Dauerstaus und heruntergekommene Bauten, die wie auch andere in Vergessenheit geraten sind. Das Elend wabert über jeder Situation und man fragt sich schnell, wie hier Kinder unbeschwert aufwachsen sollen.

—Milde Spoiler—

In Pelo Malo geht es vor allem um Identitätsfindung und dem Wunsch eines Jungen, für einen kurzen Moment anders zu sein. Die Kluft zwischen Schutzsuche auf der einen und Entfaltung auf der anderen Seite kann jedoch nur in einer kompromisslosen Entscheidung resultieren. Folgen oder Untergehen sind die einzigen Alternativen, zwischen denen man in Caracas auswählen kann und so strahlt Martas ganzes Wesen die Härte einer Gesellschaft aus, der Junior nur mit wachen Kinderaugen begegnen kann, welche zwar unnachgiebig alles verfolgen, aber nicht sprechen dürfen.

Regie: Mariana Rondón
Drehbuch: Mariana Rondón
Produktion: Marité Ugás
Kamera: Micaela Cajahuaringa
Schnitt: Marité Ugás
Ton: Lena Esquenazi
Musik: Camilo Froideval
Szenenbild: Matías Tikas
Darsteller: Samuel Lange Zambrano, Samantha Castillo, Nelly Ramos, María Emilia Sulbarán

Vom 25.-29.05.2016 fand in Bremen das vierte Favourites Filmfestival statt. Dieses zeigt ausgewählte Filme, welche zuvor einen Publikumspreis von anderen Festivals erhalten haben , und spiegelt somit die Gunst der Zuschauer wider. Einen Nachschlag gibt es in Berlin, im September diesen Jahres. Mit dabei waren in Spielfilmlänge (Kurzfilme standen ebenfalls zur Auswahl):

Publikumspreis Giornate degli Autori – Venice Days, Italien:

Publikumspreis Torino Film Festival, Italien:

Publikumspreis Filmfest Amiens, Frankreich:

Publikumspreis Festival du Film Français d’Helvétie, Schweiz:

Publikumspreis Festival du Cinéma Espagnol de Nantes, Frankreich:

Publikumspreis Olhar de Cinema – Curitiba International Film Festival, Brasilien:

Extract – I AM THE PEOPLE by Anna Roussillon from hautlesmains prod on Vimeo.

Publikumspreis Sundance Film Festival, USA:

Publikumspreis Paris Cinema International Film Festival, Frankreich:

Before Night Falls (2000) von Julian Schnabel

Was „Before Night Falls“ letztendlich doch zum vielsagenden Film macht, ist eindeutig die Leistung von Javier Bardem. Man sagt immer, dass ein Schauspieler einen Film getragen hat, hier hat er ihn durch und durch gelebt. Das Bild von Kuba, es ist ein chaotisches. Die sexuelle Revolution macht aus jungen Wilde Halbstarke, die Revolution selbst aus Gewinnern Verlierern. Zwischen kubanischer Tradition, abgeschotteten Werten und einer förmlich zu spürenden Lebenslust und Freiheit, lernt man den 19-jährigen Reinaldo Arenas kennen, welcher mit einer ansteckenden Begeisterung und Gelassenheit durch das Leben geht und damit den starken Kontrast zwischen Freiheit und Ideologie herstellt.

Inspiration und Furcht liegen im Film immer klar beieinander. Klar, hält sich hier leider auch die Kritik in Grenzen. Überhaupt ist in dem ganzen Durcheinander und all der Länge kein Bezugspunkt, was vielleicht die Zeit damals widerspiegelt, in der Länge aber ab und an anstrengend gerät. Die Poesie, welche sich durch den Film zieht vermag es, einen mitzunehmen, aber oft unterbricht sie die emotionale Tiefe und Beziehungen der Charaktere.

Sehenswert ist „Before Night Falls“ dennoch, allein schon der Leistung Javier Bardems wegen, aber auch, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Freiheit sich in Unterdrückung verwandelt.