Persona (1966) von Ingmar Bergman – Wahrheit und Lüge (S.E.“P.“T.E.M.B.E.R. #3)

Über den dritten Beitrag musste ich nicht lange nachdenken, da Persona einer meiner Lieblingsfilme ist.

Die Beiträge der anderen (vorbildlicheren) Teilnehmer:

Shalima – Plötzlich Prinzessin 1+2
Ma-Go – Pulp Fiction
Hotaru – The Perks of Being A Wallflower
Ainu89 – Paper Man

Nachtrag: Da habe ich doch glatt den Gastgeber vergessen…

Zack von Zacksmovies hat sich ausgedacht, den September zu gucken, Buchstabe für Buchstabe. Seinen Beitrag könnt ihr hier nachlesen.

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Dr. Strange (OV/2016) von Scott Derrickson und der Cloak of Disability

Strange: Im Cinemaxx meiner Heimat ist es offenbar ein Problem O-Ton und 3D gleichzeitig zur Verfügung zu stellen.

Warum das eine, wenn man das andere hat?!? Marvel scheint eine ähnliche Ansicht zu haben… Wer, wie ich, die Befürchtung hat, Benedict Cumberbatch im Originalton nicht verstehen zu können, der sei beruhigt. Der Brite hat sich einen schnörkellosen amerikanischen Akzent zugelegt, der sich vom sherlockschen Gemurmel deutlich unterscheidet. „Penguin“ kann er mittlerweile auch aussprechen.Weiterlesen »

Barbara (2012) von Christian Petzold

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By Malte Tychsen (Gurkentee at de.wikipedia), CC BY-SA 2.0 de

Kurzinhalt

Barbara Wolff (Nina Hoss) wird 1980 in ein Provinzkrankenhaus versetzt, nachdem sie einen Ausreiseantrag aus der DDR gestellt hat. Das an der Ostsee gelegene Krankenhaus und dessen Mitarbeiter empfangen sie freundlich und wohlgesonnen, was sie allerdings nicht weiter interessiert. André Reiser (Ronald Zehrfeld), der leitende Kinderchirurg interessiert sich für die Ärztin aus Ost-Berlin und versucht ihr näher zu kommen. Stasi-Offizier Klaus Schütz (Rainer Bock) setzt ihn auf Barbara an und ist selbst ständig dabei, sie zu kontrollieren. Als die junge Stella (Jasna Fritzi Bauer) eingeliefert wird, finden beide Ärzte eine gemeinsame Ebene miteinander und arbeiten fortan besser zusammen. Trotzdem gestalten sich die Bedingungen als schwierig, weil Vertrauen und Freiheit für beiden keinen Platz zu haben scheinen. Barbaras Geliebter Jörg (Mark Waschke), plant unterdessen ihre Flucht und hofft auf ein gemeinsames Leben mit ihr.

Der Ausnahme-Regisseur und die Ausnahme-Schauspielerin

Das Skript stammt von Christian Petzold und Harun Farocki, basierend auf der Novelle Barbara des Österreichers Hermann Broch (1889–1951). Christian Petzold und Nina Hoss arbeiteten bereits an mehreren Filmen gemeinsam.  Als Christian Petzold das Buch in einem Schaufenster sah, wusste er gleich, dass Nina Hoss die Rolle spielen sollte, wie er in einem Interview sagte. Die Rolle der Barbara legte er fast schon nüchtern und unnachgiebig an, was die Stimmung in der damaligen Zeit gut widerspiegeln dürfte. Vielmehr lebt man aber durch die Blicke und das Atmen von Nina Hoss, welche eine emotionale Ausdruckskraft in ihre Rollen legt, die Seinesgleichen sucht. Ronald Zehrfeld, der hier erstmals einen Gebildeten spielen darf, harmoniert, wie auch in „Phoenix“ (2014, ebenfalls Christian Petzold), wunderbar mit seiner Kollegin. Er fügt seiner Rolle eine eher nach außen gerichtete Emotionalität hinzu, die immer darauf abzielt, dieselbe auch bei Barbara zu wecken. Einzelne Worte, die beide miteinander austauschen, sprechen im wahrsten Sinne des Wortes Bände. Diese Sinnlichkeit schlägt sich auch beim Hören nieder. Man möchte zwischendurch am liebsten die Augen schließen und alle den kleinen Geräuschen lauschen, die aber auch dafür sorgen, dass sich die Spannung gleichbleibend durch den Film zieht. Dazu fügen sich die schönen Landschaftsaufnahmen als Verkörperung von Barbaras Sehnsucht wunderbar in die Szenerie ein.

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Der Wert der Vergangenheit

Barbara entfaltet mittels Musik und natürlicher Schönheit eine große Kraft und Attraktivität, die sich zum Sog entwickelt, vor allem sobald Nina Hoss im Bild ist. Barbaras distanzierte Art weicht manchmal einem leichten Zögern. Diese zaghaften leisen Emotionen ziehen sich durch den ganzen Film und durch die Geräuschkulisse und dem weitestgehenden Fehlen von Musik, kann man sich dem ganz hingeben. Die Stimmung in der DDR fängt sich in dieser zögerlichen Anziehung zwischen André und Barbara, die als Stabilisator zwischen Misstrauen und Angst dient. So sagt Christian Petzold uns eigentlich: Egal in welchem „Gefängnis“ man sich wähnt, wenn man es verlassen möchte, fallen einem die schönen Dinge ein, die man vielleicht erlebt hat und die Beziehungen, die man gepflegt hat. Das Gefängnis bekommt auf einmal einen anderen Wert. Es kann einem diese Erinnerungen nicht nehmen, nicht verleiden, denn sie stehen für sich selbst. Darin auch etwas Schönes zu sehen, versöhnt uns letztlich mit uns selbst und ist der größte Widerstand, den wir aufbringen können.

Barbara ist ein sinnlicher und leiser Film, von dem man sich wünscht, dass er nie laut wird.

 

 

Regie: Christian Petzold

Drehbuch: Christian Petzold und Harun Farocki

Darsteller: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Rainer Bock, Christina Hecke, Claudia Geisler, Peter Weiss, Carolin Haupt, Deniz Petzold, Rosa Enskat, Jasna Fritzi Bauer, Mark Waschke

Musik: Stefan Will

Kamera Hans Fromm

Schnitt: Bettina Böhler

 

Room (2015) von Lenny Abrahamson

—Spoiler ahead—

Wenn der kleine Jack (Jacob Tremblay) morgens seine Augen aufschlägt, blickt er neugierig umher, als sehe er zum ersten Mal seine Umgebung außerhalb des alten Bettes, auf dem er liegt. Durch Raum gehend, begrüßt er die Einrichtungsgegenstände und schnell wird dem Zuschauenden klar, dass die Verhältnisse in denen Jack lebt, alles andere als ideal sind. Außer dem Bett, gibt es noch eine Küchenzeile, ein winziges Waschbecken, eine alte Badewanne sowie einen Schrank. Aufgeregt über den bevorstehenden Tag, weckt Jack seine Mutter Joy „Ma“ Newsome (Brie Larson), denn er wird an diesem Tag fünf Jahre alt…

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L.A. Crash (2004) von Paul Haggis

Der Mensch kommt auf die Welt durch einen Zufall der Natur. Er wird in diese Welt geboren, ohne gefragt zu werden. Er wird in einer Umgebung groß, die er sich nicht ausgesucht hat. Überhaupt sagt ihm ständig jemand, was er zu tun hat, wie er sich zu verhalten hat, und oft auch, wie er zu denken hat. Wenn Kinder ihre Umwelt erforschen, lernen sie in Kategorien zu denken. Das ist wichtig, damit sie schneller potenzielle Gefahren erfassen, besser lernen können und auch, um sich zu identifizieren. Ihr Gehirn ist darauf ausgelegt. Vielfalt kennt es so erst mal nicht. Hat das Kind seine Kategorien gebildet, lernt es diese weiter auszudifferenzieren. Passt die Schablone nicht mehr, wird eine neue angefertigt. So differenziert sich der Mensch weiter aus, bis er sich und seine Umwelt vollends einordnen kann.

Wie das Kind, so entdeckt auch der Zuschauer Los Angeles. Mit großen Augen und vor Staunen aufgerissenen Mündern lernen wir, was es bedeutet schwarz zu sein, warum die Latinos keine Türschlösser reparieren sollten, die Japaner lächeln (während sie dir das Messer in den Rücken rammen) und die Araber sowieso nix verstehen. Plakativ, übertrieben und selten provokant wird uns jede Identifizierung mit einer Ethnie untersagt, wenn wir das Aufeinandertreffen aller Beteiligten beobachten. Fühlen wir uns sicher und zugehörig, werden wir wieder umgeworfen. Empathie ist hier absolut fehl am Platz. Wir sollen kein Teil von etwas sein. Hilflos, planlos und angreifbar in unserer Identität (und Rasse) können wir nur von einem Ort zum anderen gehen, aber nie wirklich ankommen. Nur Kategorien bleiben uns zum Festhalten.

Im Film sind alle aufeinander angewiesen. Sie gehen Kompromisse ein und dulden den anderen, weil sie ihn brauchen. Hin und wieder gibt es Anknüpfungspunkte, jedoch nie Berührungen. Es wird viel geredet, aber selten miteinander. Niemand fragt nach der Meinung des anderen. Es werden Schicksale geteilt, aber isoliert voneinander bearbeitet. Aus Missverständnissen werden Konflikte und aus Argwohn wird Angst. In der Hilflosigkeit ihres Seins werden wieder Hierarchien aufgebaut und Kategorien neu abgesteckt. Toleranz reduziert sich auf Duldsamkeit, Familiensinn mündet in Rassenwahn, Hilfsbereitschaft in Verachtung.

Alle haben ihre Wahrheit gepachtet, alle wissen, wie die Welt richtig funktioniert. Stellenweise will man sie schütteln, damit sie endlich mit diesem Wahnsinn aufhören. Eine Schlüsselszene ist dabei die des Ladenbesitzers Farhad mit seinem kaputten Schloss. Wenn einem dieses geballte Missverständnis entgegen schlägt, man nur hilflos von einem zum anderen gucken kann, und denkt, dass die Welt verrückt geworden ist, aber genau so Tag für Tag funktioniert, dann fällt einem auch nicht viel mehr ein. Diese ständige Ohnmacht, man fühlt sie deutlich. Schlimmer noch: Man erkennt sie wieder.

—Spoiler—

“It’s the sense of touch. In any real city, you walk, you know? You brush past people, people bump into you. In L.A., nobody touches you. We’re always behind this metal and glass. I think we miss that touch so much, that we crash into each other, just so we can feel something.”

So ist die Massenkarambolage nur folgerichtig und aussagekräftig. Der Zufall, sich zu begegnen und etwas miteinander zu teilen ist kostbar und zutiefst menschlich. Die Rückbesinnung auf das, was wir eigentlich sind, kann es nur gemeinsam geben, wie auch die Freiheit, sich zu integrieren. Letztendlich, kann es somit auch nur eine Kategorie geben und nur den Zufall, der sie zusammenführt.

Erscheinungsjahr: 2004

Regisseur: Paul Haggis

Drehbuch: Paul Haggis, Robert Moresco

Schauspieler: Sandra Bullock, Don Cheadle, Matt Dillon, Jennifer Esposito, William Fichtner, Brendan Fraser, Terrence Howard, Chris Bridges, Thandie Newton, Ryan Phillippe

Bildquelle: © Universum/Central