Toni Erdmann (2016) von Maren Ade – Nackt durch die Globalisierung

Während ich damit beschäftigt war, mir Tränen aus dem Gesicht zu wischen, befand ich mich gleichzeitig in einem der nicht seltenen Lachanfälle. Es folgten viele ‚uh‘ – ‚uuoh‘, – ’nicht doch‘ – Momente. Bis zum Schluss bedacht, unausgeglichene Körperfunktionen wieder wegzusortieren, stellte ich mit Argwohn Bekleidung fest.

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Parasol (2015/OmEngU) von Valéry Rosier #Favourites Filmfestival Bremen

© IMDB
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Inhalt

Parasol besteht aus drei episodisch verlaufenden Geschichten. Pere ist Touristenführer in Mallorca und Fahrer einer Bimmelbahn, mit welcher er Touris durch die Gegend befördert. Seine Tochter, die eigentlich bei ihrer Mutter lebt, ist zu Besuch bei ihm und will ihren Geburtstag feiern. Rentnerin Annie aus Belgien möchte endlich ihre Internet-Bekanntschaft treffen. Damit sie dieses Treffen realisieren kann, ist sie mit einer Seniorengruppe nach Mallorca gereist, der sie auch noch ständig aus dem Weg gehen muss. Der Brite Alfie ist mit seinen Eltern nach Mallorca gekommen, damit aber nicht so ganz glücklich. Er will Spaß und die große Ferienliebe.

Seidl in Mallorca

Parasol gewann seinen Publikumspreis in der Schweiz beim Festival du Film Français d’Helvétie. Der sympathische Regisseur Valéry Rosier stand nach der Vorstellung für Publikumsfragen zur Verfügung. Mit einem winzigem Budget und einem 4-Mann-starken Team wurde Parasol in Mallorca realisiert. Sein Film fiel vor allem durch die visuelle Gestaltung auf. Die Hauptfiguren agieren häufig nur auf einer Seite der Szene, welche außerdem symmetrisch aufgebaut ist, we man es aus Filmen Ulrich Seidls kennt.  Dadurch wirken Rosiers Figuren alle deplatziert und vom Rest ihrer Umgebung isoliert.

Mit liebevoller Zuwendung nähert man sich diesen entrückten drei Charakteren an und bangt mit ihnen, auf dass sie zu ihrem Glück kommen mögen. Alle Darsteller in Parasol sind Laien, die von der Insel kommen und aus der Zeitung rekrutiert wurden, außer Julienne Goeffers, die aus Belgien stammt und die Figur der Annie spielt. Rosier gab an, dass der Film demnach eine große Lüge enthält: Es gibt dort nämlich keine Deutschen. Der Seitenhieb auf die dort vorherschende Tourismus-Maschinerie sorgt auch für so einige Schmunzler und gibt dem Film eine ganz eigene Note. So entwickeln sich die Touristen Stück für Stück zurück, werden ausgelassener und infantiler. Rosier verglich den Tourismus im Nachhinein auch mit einer Mutter, die ihre Kinder umsorgt – das von der Realität sicherlich nicht ganz so weit entfernt ist.

Stimmungsvolles Reiseziel

Parasol ist durch und durch von einer stillen Melancholie geprägt, welche die eigentlich vorherrschende Urlaubsstimmung ins Gegenteil verkehrt. Alle Figuren sind zögerlich und behutsam, gieren aber nach der Veränderung und nehmen dafür einiges in Kauf. Es ist die Stimmung aller drei Episoden, die eine Verbindung zwischen den Figuren und auch dem Zuschauer schafft. Dieser dürfte sich nämlich an einigen Stellen wiedererkannt haben, sei es im falschen Stolz, in unbegründeten Ängsten, dem Grad der Anpassung oder dem Gefühl, einsam zu sein. Das sind Rosiers Themen und er vermittelt sie virtuos.

Drehbuch: Valéry Rosier

Produktion: Benoit Roland

Kamera: Olivier Boonjing

Schnitt: Nicolas Rumpl

Musik: Manuel Roland

Darsteller: Julienne Goeffers, Alfie Thomson, Pere Yoko

Vom 25.-29.05.2016 fand in Bremen das vierte Favourites Filmfestival statt. Dieses zeigt ausgewählte Filme, welche zuvor einen Publikumspreis von anderen Festivals erhalten haben , und spiegelt somit die Gunst der Zuschauer wider. Einen Nachschlag gibt es in Berlin, im September diesen Jahres. Mit dabei waren in Spielfilmlänge (Kurzfilme standen ebenfalls zur Auswahl):

Publikumspreis Giornate degli Autori – Venice Days, Italien:

Publikumspreis Torino Film Festival, Italien:

Publikumspreis Filmfest Amiens, Frankreich:

Publikumspreis Festival du Film Français d’Helvétie, Schweiz:

Publikumspreis Festival du Cinéma Espagnol de Nantes, Frankreich:

Publikumspreis Olhar de Cinema – Curitiba International Film Festival, Brasilien:

Extract – I AM THE PEOPLE by Anna Roussillon from hautlesmains prod on Vimeo.

Publikumspreis Sundance Film Festival, USA:

Publikumspreis Paris Cinema International Film Festival, Frankreich:

Der Marsianer-Rettet Mark Watney (2015) von Ridley Scott

„Der Marsianer“ fußt auf dem gleichnamigen Roman von Andy Weir und handelt von Mark Watney (Matt Damon), einem Astronauten und Botaniker. Dieser bleibt während einer Mars-Mission am Tag 18 (Sol 18) unter unglücklichen Umständen zurück und muss, auf sich allein gestellt, sein Überleben sichern. Mittels persönlichem Logbuch und Selbstgesprächen erfahren wir von seinem Plan, sich 4 Jahre lang über Wasser zu halten, um am Ende dieser, die Raumstation Ares IV zu erreichen und mit der dortigen Crew wieder zur Erde zu kommen. Es soll ein langer Weg werden.

Als einziger Mensch auf dem roten Planeten, zeigt sich Watney sofort von seiner derben Seite. Das einzige, was ihm in seiner Erkenntnis noch zu sagen bleibt, ist: „Fuck“. In Anbetracht der Lage mehr als angemessen und nahezu gemäßigt. Statt zu verzweifeln, überlegt er sich nun aber, wie er zu Nahrung und Wasser kommt. Ist es beim Wasser noch ein komplizierter Prozess, wird es beim Essen schon einfacher. Mars-Erde + Crew-Exkremente= Kartoffeln. Durchkalkulierte, auf 4 Jahre ausgelegte Feldarbeit.

Mittels eines persönlichen Logbuchs zeichnet er diese und andere Vorhaben auf. So ersinnt er im Laufe vorüberziehender Sols auch einen Weg mit der NASA zu kommunizieren, was nicht nur der NASA gefällt, sondern der ganzen Welt, die nun an dieser Misere teilhaben darf. Allein auf einem Planeten und die ganze Welt fiebert mit.

(Wer sich dafür interessiert, was Watney der NASA in der Romanvorlage übermittelte, nachdem sie ihn darauf hinwiesen, gemäßigtere Worte zu finden, der wird am Ende fündig)

Diese ganze Szenerie wirkt vorerst so unwirklich, dass man meinen könnte, man stecke in einem Wunschbild von Watney, der davon träumt Astronaut zu werden oder einem Traum der NASA, die fortan nur noch Bauern ins All schießt. Denn die Erwägung des Survival-Dramas kontert hier mit flotten Sprüchen, menschlichem Geschick und viel Erfindungsreichtum, ganz gemäß des hochgelobten technischen Feingefühls der Romanvorlage. Durch die anhaltende filmische Umsetzung selbiger, befindet man sich in einem immerwährenden Kontrast, der einem ein inneres Schmunzeln aufzwingt. Alles verkommt zur Farce, ohne jemals surreal zu sein. Selbst Anspielungen auf Fantasy-Verfilmungen wirken hier nicht deplatziert, genauso wenig wie Watney, der eben auf einem Planeten hockt und darauf wartet, dass ihn jemand abholt.

Sich dieser komischen Situation durchaus bewusst, verhält er sich nur folgerichtig und sorgt nicht nur bei der NASA für viel Erheiterung. Vor allem deshalb, verliert dieser Film nicht an Authentizität, sondern bildet ungehemmt eine mögliche Realität ab.

Die Rettung von Mark Watney ist großes Unterhaltungskino, das nicht auf profane Effekte setzt, sondern Einfallsreichtum, vor sich hinschleichende Spannung und subtilen bis frechen Humor in den Vordergrund stellt. Die homerische Odyssee bekommt hier einen aktuelleren Anstrich und wird über Schmerzgrenzen hinaus ausgereizt. Das Leben ist manchmal schrecklich banal und überdies vernetzt. Man kann nur damit umgehen und aufpassen, dass man nicht in seine eigenen Exkremente tritt.

„Seht mal da! Zwei Titten! –› (.Y.)“

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: Drew Goddard

Darsteller: Matt Damon, Jessica Chastain, Kate Mara, Kristen Wiig, Sean Bean, Sebastian Stan,Chiwetel Ejiofor, Mackenzie Davis, Benedict Wong, Donald Glover

Beitragsbild: © Twentieth Century Fox of Germany GmbH

 

Zeit der Kannibalen von Johannes Naber

Wie rutscht man eigentlich in seiner eigenen Sch**** aus? Indem man eine Welt erschafft, die die Künstlichkeit vor die Wirklichkeit stellt, indem man Champagner vor Spott und Verhöhnung nur so knallen lässt, indem man… Bullshit! Gar nicht! Es ist die Zeit der Kannibalen.

Ort: unbekannt, aber höchst zweifelhaft.

Durchkomponierte Manierismen werden ins Hotel getragen und auch der Dreck vor dem Fenster knallt ein Lied. Es ist das Lied der Straße, es ist ein Lied von Widerstand und freier Sicht, welches man innen nicht mehr sehen, aber hören kann. Innen zählt nämlich nur das Team! Gemeinsam suhlt es sich eben doch viel besser. Und nur wer bereit ist, sich schmutzig zu machen, darf hier rein. Consulting. Globalisiert. Uniformiert. Willkommen zu unserer heutigen Sitzung: Kapitalismus at its best.

„India was Yesterday“and „Pakistan is on special offer now.” So move along.

Der Pöbel bleibt aber gefälligst draußen, während ich deren Frauen befriedige. Mein Kundenstamm dankt es ihnen. Dankbar dürfen aber auch sie sein. Optimierung! Hier geht es nicht nur um Geld und Sex, sondern um Verbesserung! Ja, meine Damen und Herren! Das scheinen sie noch nicht verstanden zu haben. Ein wacher Geist ist bestrebt, sich selbst zu optimieren und, wenn er das geschafft hat, andere zu befriedigen, pardon: zu optimieren. Entwicklungshilfe nennt man das. Und dieser Weg führt über die proaktive Routine! Gleiches Ambiente, gleiches Aussehen, gleiche Standards, gleiche Krawatte! Routine, meine Damen und Herren, die Routine! Globaler Funktionalitäts-Konsens.

Gut, dass der Kollege endlich abgetreten ist, nun kann ich was verändern in der Welt. Routiniert und ambitioniert, aber vor allem geradeaus. Und beim Powerpoint-Karaoke lassen wir später unseren lösungsorientierten Dunst ab. Partner sein, heißt hier nämlich nicht nur, endlich aufzusteigen. Partner sein, heißt was zu bewirken. Präsentiert das Humankapital! Endlich keine Bescheidenheit mehr.

“Have you ever asked yourself, what we are doing here?”

Was? Nee? Warum auch? Läuft doch, nicht? Die draußen haben was dagegen, meinen sie? Frauen? Unterdrückt, sagen sie? Bürgerkriege??? Nun machen sie mal einen Punkt, ich kann mich schließlich nicht um alles hier kümmern. Und die entscheiden doch selbst, wem sie ihre Titten vor die Nase hängen. First things first. Uneffiziente Afghanen, musikverschmähende Nigerianerinnen, befindlichkeitsfixierte Spitzmaulnashörner und Moskitos im Hotelzimmer. Ich, ja ich, werde die Welt verändern! Hoch die Tassen!

„See you at the top“