Einfach das Ende der Welt (2016) von Xavier Dolan – Im Schatten

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10 Cloverfield Lane (2016) von Dan Trachtenberg und das Problem mit dem Umkehrschluss

Bei Hunden mit meist breiten und kurzen Köpfen gibt es ein Phänomen, das sich reverse sneezing, also umgekehrtes Niesen nennt. Dabei wird in kurzer Zeit geräuschvoll Luft durch die Nase eingesogen, bis der Anfall vorbei ist. Für den Hund ist das fast immer ungefährlich, für den Filmschaffenden kann es jedoch zum Problem werden. 

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Pelo Malo (2013/OmU) von Mariana Rondón #Favourites Filmfestival Bremen

pelo-malo-poster-01Pelo Malo oder Bad Hair steht für die Haare des neunjährigen Junior (Samuel Lange Zambrano), der sich nichts sehnlicher wünscht, als eine glatte Fönfrisur. Dies gestaltet sich jedoch schwieriger als gedacht, denn die wabenähnlichen Wohnsiedlungen Caracas in Venezuela haben für Ästhetik eher wenig Platz. Juniors Mutter Marta (Samantha Castillo) ist hingegen darauf aus aus Junior einen Mann zu formen, der der Gegenwart gewachsen ist. So betrachtet sie seine Hinwendung zum Äußeren mit Sorge und seine Ambitionen anders zu sein mit gezielter Abneigung. Feuer und Flamme für die Pläne des Enkels ist hingegen Juniors Oma Carmen (Nelly Ramos). Sie hat eigene Vorstellungen von dessen Zukunft und föhnt diesem manchmal heimlich die Haare oder singt mit ihm, während Juniors Mutter wieder auf Jobsuche ist, um ihn und seinen kleinen Brude Bebé versorgen zu können. Seinem Traum, einmal anders auszusehen, kann Junior zudem noch mit seiner Freundin Niña (María Emilia Sulbarán) nachhängen, welche für das anstehende Schulfoto schon das passende Kleid ausgewählt hat, während er von seinem Traum als Sänger zu posieren, noch viele Überredungsversuche weit entfernt ist.

Pelo Malo konnte auf dem Torino Film Festival in Italien den Publikumspreis ergattern und überzeugte sicherlich mit der Mischung aus Herz und Sozialstudie. Regisseurin Mariana Rondón wählte für die Dreharbeiten die Metropole Caracas aus, welche noch 2015 als gefährlichste Stadt der Welt galt. So hört man beim Spielen der Kinder oftmals Schüsse, die mit einer Mischung von Gewohnheit und Vorsicht spielerisch weggelächelt werden. Spiele, welche sich zwangsweise auf die riesigen Wohnblöcke erstrecken und durch deren soziale Umgebung geprägt sind. So reden beide Kinder häufig von der Möglichkeit  vergewaltigt zu werden oder davon, wie andere in diesem Teil der Stadt leben. Wie Gefängnisse oder Käfige erstrecken sich auch, die durch Wäschestücke verhängten Wohnungen würfelförmig in die Höhe. Dessen Bewohner, Produkt von Gewalt, Drogenhandel und Armut, können die Aussicht auf ein besseres Leben in der Sicht auf Nachbargebäude gleichgültig begraben, denn ein Entrinnen scheint hier unmöglich. So wackelt sich die Kamera von Micaela Cajahuaringa durch überfüllte Straßen, Dauerstaus und heruntergekommene Bauten, die wie auch andere in Vergessenheit geraten sind. Das Elend wabert über jeder Situation und man fragt sich schnell, wie hier Kinder unbeschwert aufwachsen sollen.

—Milde Spoiler—

In Pelo Malo geht es vor allem um Identitätsfindung und dem Wunsch eines Jungen, für einen kurzen Moment anders zu sein. Die Kluft zwischen Schutzsuche auf der einen und Entfaltung auf der anderen Seite kann jedoch nur in einer kompromisslosen Entscheidung resultieren. Folgen oder Untergehen sind die einzigen Alternativen, zwischen denen man in Caracas auswählen kann und so strahlt Martas ganzes Wesen die Härte einer Gesellschaft aus, der Junior nur mit wachen Kinderaugen begegnen kann, welche zwar unnachgiebig alles verfolgen, aber nicht sprechen dürfen.

Regie: Mariana Rondón
Drehbuch: Mariana Rondón
Produktion: Marité Ugás
Kamera: Micaela Cajahuaringa
Schnitt: Marité Ugás
Ton: Lena Esquenazi
Musik: Camilo Froideval
Szenenbild: Matías Tikas
Darsteller: Samuel Lange Zambrano, Samantha Castillo, Nelly Ramos, María Emilia Sulbarán

Vom 25.-29.05.2016 fand in Bremen das vierte Favourites Filmfestival statt. Dieses zeigt ausgewählte Filme, welche zuvor einen Publikumspreis von anderen Festivals erhalten haben , und spiegelt somit die Gunst der Zuschauer wider. Einen Nachschlag gibt es in Berlin, im September diesen Jahres. Mit dabei waren in Spielfilmlänge (Kurzfilme standen ebenfalls zur Auswahl):

Publikumspreis Giornate degli Autori – Venice Days, Italien:

Publikumspreis Torino Film Festival, Italien:

Publikumspreis Filmfest Amiens, Frankreich:

Publikumspreis Festival du Film Français d’Helvétie, Schweiz:

Publikumspreis Festival du Cinéma Espagnol de Nantes, Frankreich:

Publikumspreis Olhar de Cinema – Curitiba International Film Festival, Brasilien:

Extract – I AM THE PEOPLE by Anna Roussillon from hautlesmains prod on Vimeo.

Publikumspreis Sundance Film Festival, USA:

Publikumspreis Paris Cinema International Film Festival, Frankreich:

Die Kirche bleibt im Dorf (2012) von Ulrike Grote

I fasch desch ma kurz zusamme… Totschlach, Unnerlaschene Hilfeleischtung, Körperverleschtzung, Hosfreidnsbruch, Betruch, un Alkoholmischbrauch… Un desch allesch uf Schwäbisch!

Wo sie sind? In Ober- und Unterrieslichen! Und die beiden Ortschaften trennen eigentlich nur zwei Dinge. A Kirsch un a Friedhoff. Denn diese beiden Stätten muss sich der gemeine Rieslinger teilen, was ihm schon mal so gar nicht gefällt.

Die Oberrieslinger haben die Kirche und die Unterrieslinger den Friedhof, aber eines haben sie gemeinsam: Ein Schlagloch. Dieses liegt genau zwischen den beiden Gemeinden und wird der Verantwortungslosigkeit überlassen bzw. ist der jeweils andere, wenn überhaupt, verantwortlich. Dumm nur, dass Oma Häberle aus Oberrieslingen nun ausgerechnet dieses mitnimmt und gemeinsam mit ihrem Motorrad das Zeitliche segnet bzw. hats sies dohin bräzelt. Aber das ist nicht das einzige Problem:

Denn jetzt kommt auch noch Robert Redford, um die Kirche zu kaufen! Ob das gut geht…

Ulrike Grote nimmt hier im wahrsten Sinne des Wortes ganz schön Fahrt auf, dass einem das Herz ab- und aufgeht. In typisch dörfischen Stereotypen wird hier geschwäbelt, was das Zeug hält, Wortwitz und Verwechslung reichen sich genauso die Hand, wie Vorurteile und Zänkerei. Die verschwörerische Pseudo-Mystery-Story umrahmt das Ganze, und driftet damit in völlig andere, manchmal aber auch unnötige Sphären ab. Skurril, frisch, locker und vor allem urkomisch kommt diese Komödie nicht nur um die Ecke, sondern auf dem Trekker angezappelt, dass einem ab und an der Riesling durch die Nase läuft.

Dabei werden alle Klischees bedient, die ein Dorf so hergibt, allen voran schwäbische! Oin dudla, Bemmbra und  buabala. Wer schon immer mal, mit Omi im Grab Schlittenfahren üben wollte, Shakespeare-Strümpfelbach-Vergleiche nicht scheut oder wirklich wissen möchte, was es heißt, die Kirche im Dorf zu lassen, ist hier goldrichtig. Und wer nachhaltig Spaß hatte, kann die Fortsetzung vom SWR in Serie betrachten.

Nur düstern Frieden bringt uns dieser Morgen.

Die Sonne scheint, verhüllt vor weh, zu weilen.

Zur richtigen Aussprache gehäuft vorkommender Wörter sei eine kleine Einführung empfohlen.

Außerdem zur Einstimmung auf diese Komödie dringend zu empfehlen:

 

Ganz herzlich bedanke ich mich an dieser Stelle bei Liegeradler von der Seite Kinogucker, der mir diese DVD freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat! 

Regie: Ulrike Grote

Drehbuch: Ulrike Grote

Darsteller: Rolf Schübel, Karoline Eichhorn, Natalia Wörner, Ulrich Gehbauer, Hans Löw, Christian Pätzold, Dietz Werner Steck, Peter Jordan, Stephan Schad, Julia Nachtmann, Elisabeth Schwarz, Hans-Joerg Frey, Dominik Kuhn, Gary Francis Smith