Die 5 BESTEN am DONNERSTAG #4

5 Filme, die ich gerne auf großer Leinwand gesehen hätte, erfragt von Gorana aus der Ergothek, die jeden Donnerstag die 5 BESTEN erhebt. Leider konnte ich die ersten Anläufe der 5 Besten nicht vollenden; solltet ihr dies also lesen können, hat es heute mal geklappt (ansonsten hebe ich den Einleitungstext einfach wieder bis nächste Woche auf…).

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Tatort: Kartenhaus (2016) von Sebastian Ko

Tatort Köln, Folge 977

„Like the sand can seep right through your fingers so can all your days

As those days go by you’ll have me there to help you find the way.

The way I feel with you I know it’s got to last forever.

And when the rain begins to fall

you’ll ride my rainbow in the sky

And I will catch you if you fall

you’ll never have to ask me why.

And when the rain begins to fall I’ll be the sunshine in your life

You know that we can have it all and everything will be all right.”

Kartenhaus heißt der treffende Titel des heutigen Tatorts.

Die, kurz vor ihrem 18. Geburtstag stehende Laura Hartmann (Ruby O. Fee) baut sich selbiges, wenn sie in ihrem Zimmer tanzenderweise ihren Träumen nachhängt. Nebenan sticht ihr vorbestrafter Freund Adrian Tarrach (Rick Okon) schonungslos auf ihren Stiefvater ein. Ihre Mutter schwelgt zur gleichen Zeit in Madame Butterfly und wartet auf selbigen. Während das Pärchen schnell verschwindet, findet Fr. Hartmann ihren toten Mann auf dem Küchenfußboden. Laura selbst hat von alledem nichts mitbekommen und denkt, dass Adrian und sie verreisen werden. Die daraufhin anrückenden Hauptkommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) werden nicht lange brauchen, um den Täter zu ermitteln. Schnell sind sie dem Pärchen auf der Spur.

„Sie lügt – er träumt.“ „Gefährliche Mischung.“

Dieser Tatort lebt durch die zwei flüchtigen jungen Menschen und schnell eröffnet sich dem Zuschauer die zugrunde liegende Dynamik der beiden. Pseudologia phantastica trifft auf verklärte Liebe.

Mit einer großen Portion Leidenschaft im Rücken steht der Roadmovie-Romantik hier nichts mehr im Weg und wird von den zwei Beteiligten beherzt umgesetzt. Mit schönen bildhaften Übergangen und einem annehmbaren Tempo reift diese Jagd zu einem Abgesang auf die üblichen Fesseln jugendlicher Liebe, die sich nur noch über Technik definiert. Freiheit, Liebe und Sex entgegen aller Widerstände. Rhythmisch durch die Plattenbauten ziehend, dürfen wir auf ein Ende hin mitfiebern, das unweigerlich einen konsequenten Abschluss finden muss. In diesem Tatort ist das gleichsam schön, wie schade. Wunderbar!

“Here I go out to sea again

The sunshine fills my hair

And dreams hang in the air

Gulls in the sky and in my blue eyes

You know it feels unfair

There’s magic everywhere

Look at me standing

Here on my own again

Up straight in the sunshine

No need to run and hide

It’s a wonderful, wonderful life

No need to laugh and cry

It’s a wonderful, wonderful life”

Regie: Sebastian Ko

Drehbuch: Jürgen Werner

Darsteller: Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Patrick Abozen, Bettina Stucky, Sami Asfour, Joe Bausch, Julika Jenkins, Thomas Bastkowski, Ruby O. Fee,  Aleksandru Cirneala, Rick Okon, Janos Tiborcz, Rainer Galke, Marie Bendig, Juri Rother

Spotlight (2015) von Tom McCarthy

Der Zeitschrift Boston Globe ist eine eigene investigative Abteilung zu eigen, welche über längere Zeiträume über vermeintlich brisante Themen recherchiert und in der Folge ihre Leserschaft über diese Themen aufklärt – hier namentlich mit Spotlight betitelt. Zeitung und Spotlight-Team, bestehend aus Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams), Michael Rezendes (Mark Ruffalo), Steve Kurkjian (Gene Amoroso), Matt Carroll (Brian d’Arcy James) und Eileen McNamara (Maureen Keiller) bekommen einen neuen Editor – Marty Baron (Liev Schreiber). Baron liest in einer Kolumne über die Vertuschung eines Missbrauchs-Skandals durch den Kardinal Law, dem Erzbischof von Boston, und macht sie zum Hauptanliegen von Spotlight, welche die Spur vorerst bis zu 13 Priestern verfolgt.

Die Geistlichen wurden nach dem Vorwurf des Missbrauchs vom Kardinal unter falschen Angaben in andere Positionen versetzt. Auf deren Spur kommt die Arbeitsgruppe nicht zuletzt durch die Hilfe von Anwalt Mitchell Garabedian (Stanley Tucci) und dem Leiter einer Opfer-Rechts-Organisation (Neal Huff). Vorerst skeptisch ob der Bedeutungsschwere der Story, kommen dem Team um Chef Walter Robinson (Michael Keaton) immer neue Hinweise unter, die sich zu einem globalen Skandal ausweiten sollen, und an dessen Ende nicht nur über 6.000 Priester angeklagt sind, sondern das gesamte System Kirche schwanken wird.

Tom McCarthy verfolgt die Untersuchung dieses brisanten Materials im Film nüchtern und sachlich. Die Protagonisten können sich innerhalb dieser Ausrichtung voll entfalten und dieser auf Tatsachen beruhenden Geschichte geschlossen entgegentreten. Obwohl Mark Ruffalo in der Figur des Michael Rezendes hier hervorgehoben werden sollte, erhebt McCarthy angenehmerweise keinen seiner Figuren zu Helden, sondern zeigt mühselige und akribische Pressearbeit, die nie langsam oder schwerfällig daherkommt. Jeden ihrer Schritte, sei es im Auf- oder Nachspüren, verfolgt man mit gestocktem Atem, Betroffenheit oder Fassungslosigkeit. Darstellungen einzelner Opfer berühren hier mit Feingefühl und Aufrichtigkeit, und nicht mit betroffenheitssignaliserenden Missbrauchsszenarien. Die perfide Maschinerie der Umgarnung durch Geistliche wird in den Gesprächen mit den Missbrauchsopfern schonungslos offengelegt und weiß mit zu verachtender Selbstverständlichkeit zu beeindrucken.

Dabei wird der Fokus im Film vor allem auch auf institutionelle Nachlässigkeiten gelegt. Die große Wahrheit kennt hier niemand, aber alle halten sie die Anzeichen dafür in der Hand und müssten nur genauer hinsehen. Die Institution Kirche hat somit häufig nur kleine Gegenspieler, welche selbst nicht viel ausrichten können, und weiß diese Macht zu nutzen. Aber auch hier wird man keine stilistische Erhöhung des Zeigefingers finden, im Gegenteil. Der Zuschauer ist selbst gefragt.

„ If it takes a village to raise a child, it takes a village to abuse them.”

Es ist diese Art von Inszenierung, die Spotlight mehr als nur sehenswürdig macht. Als Abbild von Realität kann ein Film immer nur eine Wiederholung einer Wahrheit sein, sofern diese dem Film unterliegt. Spotlight lässt diese Wahrheit nicht nur weitestgehend für sich sprechen, sondern atmet förmlich durch sie. Überbläht wirkt nur die Macht der Kirche, deren Gegenstück diese Macht missen lässt. Als 4. Gewalt tritt hier die Presse in den Vordergrund, welche die einzelnen Puzzle-Teile für sich zu nutzen weiß. Nur der Wahrheit und dem Leser verpflichtet schafft sie das, was andere nicht können. Sie wird hier zum eigentlichen Helden und erinnert an die Ära der Printmedien, die heute immer mehr der Vernetzung und Schnelllebigkeit zum Opfer fallen, welche sie einst selbst für sich beansprucht haben. Im Vatikan sowie der absteigenden Rangordnung wird man wohl wieder die Köpfe einziehen müssen, auf dass der neuerliche Sturm schnell vorüberziehen möge.

Spotlight ist vor allem ein Plädoyer für Pressearbeit, aber auch für unabhängige Untersuchungen vom weitestgehend frei agierenden System Kirche, welches Millionen von Menschen beeinflusst und prägt. Glaube sollte keine Auseinandersetzung und Kritik ersetzen, sondern innerhalb dessen wachsen und blühen, denn es ist der fehlbare Mensch, der ihn in die Welt trägt.

Regie: Tom McCarthy

Drehbuch: Tom McCarthy, Josh Singer

Darsteller: Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber, John Slattery, Brian d’Arcy James, Stanley Tucci, Elena Wohl, Gene Amoroso, Dough Murray, Sharon McFarlane, Jamey Sheridan, Neal Huff,  Billy Crudup, Robert B. Kennedy

La Zona (2007) von Rodrigo Plá

Jugendliche vertreiben sich die Zeit in den Slums von Mexico-City, während eine große Werbetafel umfällt. Genau auf ein „barrio cerrado“, eine geschlossene Wohlstandssiedlung, namens „La Zona“. Es entsteht eine Lücke, über der drei Jungs in die Siedlung kommen, um zu stehlen. Es soll eine folgenschwere Nacht für alle werden. Denn hier wird selbst Hand angelegt. Mittels eines Abkommens sichern sich die reichen Bewohner La Zonas weitestgehend Eigenständigkeit zu, welche sie mit Hilfe eines gewählten Gremiums durchsetzen. Dafür finanzieren sie im Gegenzug die eine oder andere Einrichtung, wie zum Beispiel die Polizei. Im Hintergrund hängen die Slums wie ein Mahnmal über der Siedlung, um alle daran zu erinnern, warum sie sich verschließen. Verderbliche Einflüsse, Kriminalität und Armut haben in dieser Siedlung nicht mal eine Nische.

Rodrigo Plá inszeniert eine vor Angst und Hass triefende Sozialstudie über Menschen, die sich voneinander separiert haben, sowohl im Wohlstand, als auch im sozialen Gefüge, aber vor allem in der Auslegung von Recht und Ordnung. Die unkontrollierbare Angst und Unsicherheit kann man in dieser Siedlung förmlich riechen. Der Dialog scheint zwischendrin verloren gegangen zu sein. Man sieht Menschen, die jegliches Vertrauen in andere Menschen verloren haben, Menschen, die sich nur noch auf sich selbst verlassen, Menschen, die nicht sehen wollen, dass Gesellschaft auch größer gedacht wird. Ein Bild, welches nicht nur in Südamerika, sondern in der einen oder anderen Form überall präsent ist. Sehenswert.

Ex Machina (2015) von Alex Garland

Der Turing-Test soll künstliche Intelligenz auf ihre Menschlichkeit bzw. Gleichwertigkeit zum Menschen hin überprüfen. Ursprünglich ist ein Mensch als Vergleichsobjekt und ein Beobachter vorgesehen. Ex Machina treibt diese Konstellation auf die Spitze und auch wir dürfen Beobachter spielen. In einer ausnehmend komplexen Atmosphäre entfaltet sich ein Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Die Versuchsräume sind dabei künstlich, steril und abgeschottet von jedem Leben.

In der Nahrungskette ganz oben angekommen und nur noch sich selbst gegenüber rechtfertigend steht der Mensch. Behaupten kann er sich nur noch gegen sich selbst. Er ist mit sich allein. Er treibt Sport mittels künstlicher Objekte, aber nur solange er auch sie bezwingen kann, er entwickelt sich weiter und weiter und strebt Vollkommenheit an. Er kommuniziert und lebt durch anorganische Bindungen und füllt diese mit Leben. So entsteht auch die Künstliche Intelligenz in Form von Ava aus dieser künstlichen Welt. Und es ist Ava, eine Maschine, die uns zeigt, was es bedeutet menschlich zu sein, zu jeder Zeit, in ihrem ganzen Sein.

„One day the AIs are going to look back on us the same way we look at fossil skeletons on the plains of Africa. An upright ape living in dust with crude language and tools, all set for extinction.“

Ex Machina ist sicherlich nicht die erste Instanz, die diese und andere Fragen aufwirft, aber es ist eine der beachtenswertesten. Leicht wie eine Feder schweben Fragen über unsere Existenz, der Existenz von KI, selbst Fragen zur Gender-Debatte über unseren Köpfen. Was wäre, wenn unser Schaffen lebendig werden würde? Was wäre, wenn dieses Ergebnis lebendiger als wir selbst ist, uns überlegen ist? Haben wir diesen Zustand nicht schon längst erreicht? Und das sind bei Weitem nicht alle. Dabei verfällt Alex Garland angenehmerweise nie in Erklärungen. Er regt zur Diskussion an, die aber über die üblichen Fragen hinausgeht. Ex Machina besticht auf allen Ebenen und lässt einen nicht mehr los.

 

 

Zodiac – Die Spur des Killers (2007) von David Fincher

Gegen über 2000 Männer wurde seit dem ersten Auftritt des Zodiac Killers ermittelt. Man kann sich nur schwer in die damalige Zeit hineinversetzen, wie hilflos man sich aufgrund eines Menschen vorkommen musste, wieviel Angst man vielleicht auch hatte.

Zodiac, als filmische Reminiszenz, ist an manchen Stellen nahezu dokumentarisch. David Fincher geht nicht den Weg des Zugangs über einen einzelnen Darsteller, sondern inszeniert die Ermittlung sowie den journalistischen Eifer. Eine irre und nahezu unvorstellbare Jagd auf den Killer, die so ruhig abgehandelt wird, als koche man sich morgens den ersten Kaffee, nimmt so gemächlich ihren Lauf. Der einsetzende Verfall der Neugierigen ist hierbei gegenläufig zur Aufklärung. Immer neue Hinweise, bringen weniger oder widersprüchlichere Erkenntnisse. Existenzen gehen zu Grunde, weil sie die Hilflosigkeit nicht akzeptieren können, lösen sich in sich selbst auf, wie sich auch die Greifbarkeit des Verdachts langsam auflöst. Die Neugierigen folgen hier nur der Spur, nie aber dem Killer. Eine Spur, die sich (wie der Film leider auch) hinzieht.

Erscheinungsjahr: 2007

Regisseur: David Fincher

Drehbuch: James Vanderbilt

Schauspieler: Jake Gyllenhaal, Mark Ruffalo, Anthony Edwards, Robert Downey Jr., Brian Cox, John Carroll Lynch, Chloë Sivigny, Dermot Mulroney, Ed Setrakian