Toni Erdmann (2016) von Maren Ade – Nackt durch die Globalisierung

Während ich damit beschäftigt war, mir Tränen aus dem Gesicht zu wischen, befand ich mich gleichzeitig in einem der nicht seltenen Lachanfälle. Es folgten viele ‚uh‘ – ‚uuoh‘, – ’nicht doch‘ – Momente. Bis zum Schluss bedacht, unausgeglichene Körperfunktionen wieder wegzusortieren, stellte ich mit Argwohn Bekleidung fest.

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Steve Jobs (2015) von Danny Boyle

Steve Jobs ist ein Biopic, welches auf drei Stationen des Apple-Mitbegründers Steve Jobs (Michael Fassbender) basiert. Dabei handelt es sich um Veröffentlichungen bzw. Produktpräsentationen: Denen des Macintosh 1984, des NeXT 1988 und des iMac 1998. Innerhalb dieser einzelnen Stationen , wird der Weg hinter der Bühne bis zur Aufführung nachgezeichnet. Jobs schlägt sich mit allerlei Problemen rum, die vor der Präsentation ganz natürlich auftauchen oder Kennzeichen seiner schwer zugänglichen Persönlichkeit sind. So lernt man im Verlauf seine uneheliche Tochter Lisa (erwachsen: Perla Haney-Jardine) und ihre Mutter Chrisann Brennan (Katherine Waterston) näher kennen sowie die Assistentin Joanna Hoffman (Kate Winslet). Garagenfreund und Mitentwickler Steve Wozniak (Seth Rogen), Präsident und CEO von Apple John Sculley (Jeff Daniels) und Softwareentwickler Andy Hertzfeld (Michael Stuhlbarg) sind ebenfalls ein präsenter Teil des Ausschnitts.

Danny Boyle verfilmte hier die Biographie von Walter Isaacson, welche Jobs zu Lebzeiten autorisiert haben soll. Aaron Sorkins entwickelte daraufhin das Drehbuch. Bereits 2013 kam mit “Jobs“ (Ashton Kutcher in der Hauptrolle) eine Filmbiographie auf den Markt, welche eher einer Hommage entsprach, während sich diese Verfilmung ganz auf die schwierige Persönlichkeit Steve Jobs fokussiert und dabei sein Umfeld mit einbezieht. Der Cast insgesamt ist nicht nur hervorragend besetzt, sondern leistet auch Erstaunliches. Kate Winslet, die den Oscar für die beste Nebendarstellerin für sich verbuchen konnte, agiert nicht nur als Jobs Assistentin, sondern auch als eine Art jobsche Dolmetscherin. Vor allem in der angespannten und negativen Beziehung zu Chrisann und ihrer gemeinsamen Tochter Lisa, ist Joanna Hoffman als Vermittlerin ein Segen. Seth Rogen, der den großen „Woz“ gibt, verschafft seiner Figur viel Sympathie und zeigt sich publikumsnah, indem er Michael Fassbender als stillen und aufrichtigen Helden begleitet, aber nie in dessen Schatten steht, was man von den Menschen, die sie spielen, nicht behaupten kann. Zum Apple CEO John Sculley, pflegte Steve Jobs anfänglich auch real eine lange Freundschaft. Er war es, der ihn überzeugte zu Apple zu kommen(Sculley arbeitete damals als Vizepräsident von Pepsi Cola), mit dem heute berühmten Zitat:

„Do you want to sell sugared water for the rest of your life? Or do you want to come with me and change the world?“

Jeff Daniels schafft es, John Sculley als langjährigen und sehr vertrauten Freund Jobs zu installieren, was bei der vorherrschenden Schnelllebigkeit bis zum Zerwürfnis der beiden, für die eher ruhigeren Momente sorgt. Auch die visuell beeindruckenden Rückblenden in die Vergangenheit laden zum Verschnaufen ein.

Musikalisch bewegt man sich zwischen den, der technischen Entwicklung angepassten instrumentalen, orchestralen bis hin zu digitalen Sounds, was für einen gewissen Fluss in der Charakterzeichnung und im Leben Jobs sorgt. So heißt das erste Stück des Soundtracks auch passend: „The Musicians Play Their Instruments?“, was aus einem Streitgespräch Jobs und Wozniaks herrühren dürfte, indem Jobs sinngemäß sagte, dass seine Aufgabe wäre das Konzert zu leiten, nach dem Wozniak ihm vorwarf, er könne nichts selbst auf die Beine stellen. Auch der von Jobs verehrte Bob Dylan findet sich auf dem Album wieder, welches genauso durchdacht ist, wie der Rest des Films.

Steve Jobs muss, gemessen an beiden Filmen, ein komplexer Mensch gewesen sein. So schnell wie der Aufstieg, so schnell ist auch Danny Boyles Inszenierung, was gleichzeitig Fluch und Segen ist. Zum einen hält der Film ein enormes Tempo, welches der Branche angemessen ist und Michael Fassbender als Steve Jobs eine äußerst realistische Ausstrahlung gibt, auf der anderen Seite, ist man schnell von all den Wortgefechten erschöpft. Wenn sie sich auch nicht immer in ein Ganzes fügen: Die inhaltlichen und technischen “Konzertteilnehmer“ sind durchgehend grandios arrangiert. Ob die visuelle Gestaltung durch die verschiedenen Zeitebenen, die genannte musikalische Ausstattung oder die intelligent platzierten Dialoge Sorkins, die Jobs als Ekel ausweisen:  Die Gestaltung ist angepasst und durchdacht.

So ist es dieser Inszenierung zu verdanken, dass Steve Jobs hier als Mensch gezeigt wird, der seinen Maschinen und deren Kommunikation untereinander manchmal näher war, als den Menschen um ihn rum, zu denen er keinen Zugang hatte.

Regie: Danny Boyle
Drehbuch: Aaron Sorkin
Musik: Daniel Pemberton
Kamera: Alwin H. Küchler
Darsteller: Michael Fassbender, Kate Winslet,nSeth Rogen, Katherine Waterston, Jeff Daniels, Sarah Snook, Michael Stuhlbarg, John Ortiz, Makenzie Moss, Ripley Sobo, Perla Haney-Jardine, Adam Shapiro

Zeit der Kannibalen von Johannes Naber

Wie rutscht man eigentlich in seiner eigenen Sch**** aus? Indem man eine Welt erschafft, die die Künstlichkeit vor die Wirklichkeit stellt, indem man Champagner vor Spott und Verhöhnung nur so knallen lässt, indem man… Bullshit! Gar nicht! Es ist die Zeit der Kannibalen.

Ort: unbekannt, aber höchst zweifelhaft.

Durchkomponierte Manierismen werden ins Hotel getragen und auch der Dreck vor dem Fenster knallt ein Lied. Es ist das Lied der Straße, es ist ein Lied von Widerstand und freier Sicht, welches man innen nicht mehr sehen, aber hören kann. Innen zählt nämlich nur das Team! Gemeinsam suhlt es sich eben doch viel besser. Und nur wer bereit ist, sich schmutzig zu machen, darf hier rein. Consulting. Globalisiert. Uniformiert. Willkommen zu unserer heutigen Sitzung: Kapitalismus at its best.

„India was Yesterday“and „Pakistan is on special offer now.” So move along.

Der Pöbel bleibt aber gefälligst draußen, während ich deren Frauen befriedige. Mein Kundenstamm dankt es ihnen. Dankbar dürfen aber auch sie sein. Optimierung! Hier geht es nicht nur um Geld und Sex, sondern um Verbesserung! Ja, meine Damen und Herren! Das scheinen sie noch nicht verstanden zu haben. Ein wacher Geist ist bestrebt, sich selbst zu optimieren und, wenn er das geschafft hat, andere zu befriedigen, pardon: zu optimieren. Entwicklungshilfe nennt man das. Und dieser Weg führt über die proaktive Routine! Gleiches Ambiente, gleiches Aussehen, gleiche Standards, gleiche Krawatte! Routine, meine Damen und Herren, die Routine! Globaler Funktionalitäts-Konsens.

Gut, dass der Kollege endlich abgetreten ist, nun kann ich was verändern in der Welt. Routiniert und ambitioniert, aber vor allem geradeaus. Und beim Powerpoint-Karaoke lassen wir später unseren lösungsorientierten Dunst ab. Partner sein, heißt hier nämlich nicht nur, endlich aufzusteigen. Partner sein, heißt was zu bewirken. Präsentiert das Humankapital! Endlich keine Bescheidenheit mehr.

“Have you ever asked yourself, what we are doing here?”

Was? Nee? Warum auch? Läuft doch, nicht? Die draußen haben was dagegen, meinen sie? Frauen? Unterdrückt, sagen sie? Bürgerkriege??? Nun machen sie mal einen Punkt, ich kann mich schließlich nicht um alles hier kümmern. Und die entscheiden doch selbst, wem sie ihre Titten vor die Nase hängen. First things first. Uneffiziente Afghanen, musikverschmähende Nigerianerinnen, befindlichkeitsfixierte Spitzmaulnashörner und Moskitos im Hotelzimmer. Ich, ja ich, werde die Welt verändern! Hoch die Tassen!

„See you at the top“

Ex Machina (2015) von Alex Garland

Der Turing-Test soll künstliche Intelligenz auf ihre Menschlichkeit bzw. Gleichwertigkeit zum Menschen hin überprüfen. Ursprünglich ist ein Mensch als Vergleichsobjekt und ein Beobachter vorgesehen. Ex Machina treibt diese Konstellation auf die Spitze und auch wir dürfen Beobachter spielen. In einer ausnehmend komplexen Atmosphäre entfaltet sich ein Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Die Versuchsräume sind dabei künstlich, steril und abgeschottet von jedem Leben.

In der Nahrungskette ganz oben angekommen und nur noch sich selbst gegenüber rechtfertigend steht der Mensch. Behaupten kann er sich nur noch gegen sich selbst. Er ist mit sich allein. Er treibt Sport mittels künstlicher Objekte, aber nur solange er auch sie bezwingen kann, er entwickelt sich weiter und weiter und strebt Vollkommenheit an. Er kommuniziert und lebt durch anorganische Bindungen und füllt diese mit Leben. So entsteht auch die Künstliche Intelligenz in Form von Ava aus dieser künstlichen Welt. Und es ist Ava, eine Maschine, die uns zeigt, was es bedeutet menschlich zu sein, zu jeder Zeit, in ihrem ganzen Sein.

„One day the AIs are going to look back on us the same way we look at fossil skeletons on the plains of Africa. An upright ape living in dust with crude language and tools, all set for extinction.“

Ex Machina ist sicherlich nicht die erste Instanz, die diese und andere Fragen aufwirft, aber es ist eine der beachtenswertesten. Leicht wie eine Feder schweben Fragen über unsere Existenz, der Existenz von KI, selbst Fragen zur Gender-Debatte über unseren Köpfen. Was wäre, wenn unser Schaffen lebendig werden würde? Was wäre, wenn dieses Ergebnis lebendiger als wir selbst ist, uns überlegen ist? Haben wir diesen Zustand nicht schon längst erreicht? Und das sind bei Weitem nicht alle. Dabei verfällt Alex Garland angenehmerweise nie in Erklärungen. Er regt zur Diskussion an, die aber über die üblichen Fragen hinausgeht. Ex Machina besticht auf allen Ebenen und lässt einen nicht mehr los.