The Projects (2016) von Junji Sakamoto – Aufruhr im Sozialbau

Vörred: The Projects ist zu einem meiner Lieblinge beim Nippon Festival geworden. Herrlich absurd und positiv verrückt. Solltet ihr die Gelegenheit bekommen: Unbedingt ansehen!

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Herzensbrecher (2010) von Xavier Dolan – Dieses obskure Objekt der Vorstellungskraft

Vörred: Manchmal trifft auf jemanden und eine Vorstellung dieser Person schraubt sich traumschlossartig in unbestimmte Höhen, bestimmt das Denken und, zum Leidwesen des Verzückten, auch manchmal das Handeln. Meine Dolan-Reise geht weiter und es bleibt dabei, er ist ein ausgezeichneter Beobachter und schafft es zudem, ausgezeichnete Bilder seiner Eindrücke zu vermitteln. 

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The Jungle Book (2016) [OV] von Jon Favreau

Kurzinhalt

Der Inhalt des Dschungelbuchs dürfte hinlänglich bekannt sein. Das Findelkind Mowgli (Neel Sethi) wird von Wölfen im Dschungel großgezogen, kann sich als Mensch aber nicht richtig in das Rudel einfügen, obwohl ihm Panther Bagheera (Ben Kingsley) stets weise zur Seite steht. Gefahr droht Mowgli von Shere Khan dem Tiger (Idris Elba), der in dem Jungen eine Bedrohung sieht. Als dessen Schonfrist für Mowgli abläuft, muss dieser vor dem Tiger flüchten. Dabei trifft er nicht nur auf den gefräßigen Bären Baloo (Bill Murray), sondern auch auf die listige Schlange Kaa (Scarlett Johansson) und dem Herrscher der Affen King Louie (Christopher Walken). Mowgli muss sich entscheiden, ob er Shere Khan entgegentritt oder zu den Menschen flüchtet.

Through the decades

Insgesamt sieben Erzählungen sind es, die die originale Geschichte um Mowgli („Der Frosch“) erzählen. Dessen britischer Autor Rudyard Kipling (1865 in Bombay geboren und 1936 in London verstorben) beschreibt darin das Heranwachsen Mowglis und wie er sich zum Gebieter der Tiere hin entwickelt. „The Jungle Books“ und „The Second Jungle Book“ verfasste er 1894/1895 kurz nach seiner Heirat, wonach er für einige Zeit in den USA lebte. Bereits mit 41 Jahren erhielt er dafür den Literaturnobelpreis und gilt bis heute als der jüngste Preisträger. In den Erzählungen (welche hier beim Projekt Gutenberg gelesen werden können), geht es natürlich sehr viel nüchterner zu als in der bekannten und in Deutschland am erfolgreichsten Zeichentrick-Verfilmung von 1967. Darin wurde besonders die herzliche und musikalische Darbietung bekannt, und es gibt sicherlich niemanden mehr, der nicht auf Anhieb „Ich wär so gern wie du“ oder „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ anstimmen könnte.

Die Neuauflage kommt sehr viel düsterer, komplett animiert, übernimmt aber einzelne Stationen und Charakterzüge der bekannten Verfilmung. Über die FSK-Freigabe darf man deshalb auch geteilter Meinung sein. Ich schließe mich der Mehrheit ein und sage: Bitte? Ab 6 Jahre? Wer seine Kinder traumatisieren möchte, ist momentan im Kino gut aufgehoben… Spaß beiseite, und jetzt mal im Ernst: Ich halte den Film für Kinder für ungeeignet, auch in Begleitung Erwachsener.

Style…

Die durchgehende Animierung bekräftigt zuallererst die Leistung vin Jungdarsteller Neel Sethi. Während des Films ertappt man sich eventuell dabei, sich vorzustellen, wie er vor einem grünen Bildschirm hin- und herspringt. Beeindruckend. Da geht es über Bäume, durchs Wasser, durch vielfältige Kletterlandschaften und sattem Grün, wohin das Auge sieht. 3D hätte es da nicht gebraucht, und an manchen Stellen fand ich es sogar extrem störend, weil es doch recht unscharf wurde, wenn das Bild schnell wechselte. Auch die Tiere sind optisch liebevoll und detailliert gestaltet. Shere Khan sieht man die raue Seite des Dschungels an, während beim zotteligen Baloo jedes Haar zu erkennen ist. Schön ist ebenfalls die Farbgebung insgesamt, die einem das Gefühl gibt, außerhalb jeglicher Zivilisation zu sein.

… over Substance

Dafür holt einen die musikalische Untermalung auf den Boden der Tatsachen zurück, da man, zumindest nach der Musik zu urteilen, immer darauf vorbereitet sein sollte, dass gleich ein Affe explodiert, der Dschungel untergeht oder ein Raumschiff landet. Das bitte aber ganz dramatisch. Nicht so die einzelnen, neu produzierten Songs, die sich recht stimmig einfügen. Ob es an der röhrenden Musik oder der im Kontrast stehenden schleppenden Erzählung lag, kann ich nicht sagen, es fügte sich für mich jedenfalls nicht. Eigentlich besteht der Film aus drei, für sich stehenden Teilen. Einem inhaltlichen, einem visuellem und einem musikalischem.

Und auch der Inhalt glänzt wenig bis gar nicht. Man hat sich damit begnügt, die einzelnen Stationen abzuarbeiten sich aber nicht darum bemüht, sie zu verbinden. Manchmal hat das fast schon einen episodischen Charakter. Auch das Humoristische ist stellenweise schlecht getimed und deplatziert, vor allem Bär Baloo macht da keine gute Figur. Wer aber durchweg gut wegkommt, ist Shere Khan bzw. Idris Elba. Wenn er dem Wolfsnachwuchs erklärt, wie sich ein Kuckuck verhält, läuft einem durchaus ein Schauer über den Rücken.

Fazit

The Jungle Book begnügt sich mit wirklich schönen Bildern und verlässt sich ganz auf seinen Hauptdarsteller. Dies gelingt jedoch nur stellenweise und offenbart dadurch große erzählerische Hohlräume. Auch einen erzählerischen Bezugspunkt lässt der Film dadurch deutlich missen.

 

The Revenant von Alejandro González Iñárritu

Vorweg vielleicht: Alejandro González Iñárritus Filme sind sicherlich in vielen Hitlisten von Filmliebhabern sehr weit oben. Und mit „Birdman- Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit“ fand dies letztes Jahr seinen Höhepunkt. Sämtliche Preise überschütteten die vor sich hinstampfende Hollywood-Kritik und Iñárritu kam endlich zu der Aufmerksamkeit, die er schon mit seinen ersten Filmen verdient hatte. In Birdman selbst dreht sich viel um die Kritik an Hollywood oder an der Branche an sich:  Wie sie die Macht hat, Leben zu zerstören oder jemanden in die Höhe zu heben und davon, dass das Inszenieren immer zwischen Angst und Erfolgswahn pendelt und nach ewigem Ruhm strebt, weil sonst nur leere Hülle bleibt.

„The Revenant“ ist nun der Film nach Birdman. Und er ist etwas komplett Anderes. Eingeleitet mit der wohl atemberaubensten Jagd, die eine Kinoleinwand jemals zeigen durfte, sitzt der Zuschauer schon mal schwankend im Sattel. Von Kameraarbeit kann keine Rede mehr sein, nachdem was Emmanuel Lubezki dort betreibt. Kamera-Macht, Kamera-Stunts oder visuelles Kunstgefüge, so oder anders sollte man das bezeichnen. Emmanuel Lubezki erfindet sich nicht neu, er schafft ein neues Genre des Visuellen. Wenn er Ende Februar seinen dritten Oscar in den Händen hält, wird man nicht umhin kommen, zu denken, dass es für ihn eine ganz neue Kategorie geben müsste. Denn besagtes Schwanken im Sattel, es ist real, genau wie alles andere. Die überall zitierte und berühmte Grizzly-Szene, sie wird in die Filmgeschichte eingehen. Noch nie war einem die Natur näher, noch nie entfernter, noch nie hat man sich mit ihr so klein gefühlt. An dieser Stelle müsste man mit Superlativen um sich werfen, denn der ganze Film weiß dies zu bewirken.

Diese Superlative sind es nun, die einen zwischenzeitlich aufmerken lassen. Was gucke ich mir da eigentlich an? Dies fragt man sich ab der zweiten Hälfte, aber dazu später.

Sprechen muss man hier nämlich auch von Iñárritu. Ja, er gerät bei aller Virtuosität von Lubezki in Vergessenheit. Interessanterweise kann man dieses Phänomen auch bei anderen Filmen beobachten, für die sich der Kameramann verantwortlich zeigt. Children of Men und Birdman sind hiervon wohltuende Ausnahmen. In diesen Beispielen zeigt sich, wie sich Genies verbinden und etwas Großes, etwas Neues schaffen. The Revenant fällt nicht darunter. Iñárritu, auch verantwortlich für das Script, fügt einen simplen Racheplot in das Geschehen, was dramaturgisch durchaus nachvollziehbar ist, aber unter Lubezki eben total verblasst. Es ist der Film eines Kameramanns und nicht eines Regisseurs. Lubezki, er lässt uns die Natur spüren, Iñárritu, er stellt sie lediglich zur Schau. Die Ausgewogenheit, wie sie sich in Birdman präsentierte, existiert hier nicht. Diese Meta-Ebenen, die Iñárritu durch den Trapper Hugh Glass oder die Natur anspricht, sie existieren nicht logisch. Was wäre das für ein mutiger und überragender Film gewesen, hätte man diesen Plot nicht so ausgereizt. Ganz simpel: Der Trapper Hugh Glass versucht wieder nach Hause zu kommen, nicht mehr, aber in dieser visuellen Wucht eben auch nicht weniger. Verleiht man eben dieser Wucht einen so minimalistischen Denkansatz, dann folgt daraus konsequenterweise ein wahrgenommenes Missverhältnis. Es fügt sich nicht ineinander und daran krankt auch der letzte Teil des Films. Im Kino konnte man an den Stellen, an denen Hugh Glass sich gleichzeitig als Mensch und Übermensch präsentiert, die Zuschauer lachen hören, was dafür spricht, aber auch durchaus beruhigend ist, vor allem, wenn man sich den letzten Kritikpunkt ansieht.

Was sehe ich mir da eigentlich an?

Wenn man aus diesem Film rausgeht, beschleicht einen ein merkwürdiges Gefühl, beinahe ein schlechtes Gewissen. Wie im Rausch versucht man nach diesem Erlebnis die Orientierung wiederzufinden. Geht es nicht aber genau darum? Geht es nicht um das visuelle Berauschen im Kino. Ja. Aber wie auch bei anderen konsumierbaren Drogen sind die Grenzen fließend. The Revenant sei „Pain Porn“ schreibt Carole Cadwalladr im Guardian. Und sie hat bedingt Recht. Sie vergleicht diesen Film unter anderem mit IS-Videos, was zu weit gegriffen ist und vom Thema wegführt, die Diskussion aber im Kern trifft. Der Zuschauer berauscht sich an Totschlag, Vergewaltigung und Siechtum und das rein visuell. Es existiert keine Erklärung für diese hemmungslose Gewalt. Bei Pornos ist es der schnell zugängliche Sex, der einem körperliche Befriedigung verschafft, aber nichts darüber hinaus. Sollen wir uns also durch Gewalt befriedigen? Diese Frage birgt schon einen Widerspruch in sich.

Iñárritu ist hier meiner Meinung nach seiner eigenen vorjährigen Kritik erlegen oder vielleicht einem selbst auferlegten Zwang, etwas noch Größeres schaffen zu müssen. Es muss jeder für sich selbst beantworten, wie real Film sein kann und sein sollte. Sehenswürdigkeit kann man dem Film nicht absprechen, dennoch sollte man diese Fragen nicht außer Acht lassen.

Es begab sich im Jahre 1895, dass in einem der ersten Filme („L’Arrivée d’un train à la Ciotat“) „Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“ besichtigt werden konnte. Der Zug fuhr entfernt aus dem rechten Bildrand, näherkommend, auf den linken Bildrand zu.

Heute lachen wir darüber, damals sind die Menschen panikartig aus dem Kino gerannt.

Quellenangaben:

Cadwalladr, C. (2016). The Revenant is meaningless porn pain. Zugriff am 09.02.2016 unter http://www.theguardian.com/commentisfree/2016/jan/17/revenant-leonardo-dicaprio-violent-meaningless-glorification-pain